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Sonntag, 9. Dezember 2012

Objektivität


Wenn ich mir Objektivität vorzustellen versuche, dann hat dies doch immer subjektiven Charakter. Nicht nur ist jeder Objektivierungsversuch meine ganz spezifische subjektive Art der Vorstellung von Objektivität, sondern vor allem die Entscheidung, von mir selbst und meinem Standpunkt absehen zu wollen, ist eine höchst subjektive. Warum sollte ich das tun? Aus moralischen Gründen? Um Gott zu spielen? Um mir selbst oder andern etwas vorzumachen? Wir alle sind voll von Ideen und Meinungen, die wir für selbstverständlich halten, die jedoch tatsächlich kulturell gewachsen sind und aus der Perspektive einer denkbaren anderen Kultur als banal oder absurd betrachtet werden können. Dazu gehört auch die Idee der Objektivität, an die ich nicht glaube. 

Lyriost – Madentiraden 

Donnerstag, 12. Juli 2012

Tirade 188 – Kleines Meinen

Dein freies Meinen
geschehe am besten still
im Kämmerlein klein

auf den Bühnen Korbpflicht und
deleaturisches Tun

Montag, 9. April 2012

Prahlen

Man kann es nicht oft genug sagen, und es gibt leider manchen Anlaß zu dieser Aufforderung: Prahlt nicht mit euren Wunden.

Sonntag, 8. April 2012

Feuereifer

Vor dem Feuer glüht der Eifer.

Beute

Der Krieg als Grundform des Lebens im Sinne Heraklits ist vor allem deshalb so beliebt – und das ist tief in den Genen der Menschen eingeschrieben –, weil es beim Krieg, allem ideologischen Begründungsgeschwätz zum Trotz, in erster Linie darum geht, Beute zu machen. Das gilt nicht nur für den Krieg als Metapher, sondern gerade auch für das Drücken auf todbringende Knöpfe.

Große Ruhe

Nur wer das Leben überwunden hat, hat auch den Tod überwunden. Der Wiederauferstandene ist todgeweiht.

Vernichtungswille

Das Kesseltreiben gegen Grass ist wahrlich phänomenal. Und das Ganze ist ein Lehrstück darüber, wie ein häßlicher Mob entsteht und wie sich Stück um Stück das herausbildet, was ich mal Vernichtungswillen nennen möchte. So etwas endet manchmal darin, das Menschen nicht nur symbolisch zur Strecke gebracht werden, sondern physisch.
Was typisch ist an dieser unappetitlichen Geschichte: Kaum jemanden, abgesehen von Biermann, interessiert noch die Form der Wortmeldung von Grass – Biermann nennt den Text zu Recht "dumpfbackigen Polit-Kitsch" – und der Hintergrund des Ganzen. Allgemein herrscht Jagdfieber, und es geht nur noch um die Person Grass, mit der viele, viele Rechnungen offen haben, die sie jetzt begleichen wollen. Nun kann man es dem erfolgreichen Querkopf endlich mal zeigen. "Ekelhaft" ist das.
Wie an anderer Stelle: Der Fall Grass, bereits gesagt: Ich mochte die Person Grass noch nie. Aber eine persönliche Abneigung sollte uns nicht die Gehirnwindungen vermüllen.

Samstag, 7. April 2012

Tirade 179 – Billigzorn

Sonderangebot
synthetische Empörung
heute halber Preis

blutlos im Mund gebogen
schaumgespeichelter Wortwahn

Erdmann – Szenische Monodialoge 10

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Wenn einer in den
Spiegel guckt
nach dem Rasieren
hinein ins unverstellte Gesicht
das enthaarte
und hat ein gutes Gewissen
der Höhepunkt des Tages

Das kann er
nicht der Grass
wie er sich auch
dreht und wendet
immer im Weg dieser Bart
und dann das
tägliche Jagen
er hört wieder
die Meute heulen
nun ja rief er nicht laut
Fiffi komm her?
Aber daß so viele ...

Grasserei dritte Runde
Jetzt kommt Theater
in die Lyrik
Hochhuth schämt sich
Lange nichts gehört
von Hochhuth gelesen
der lebt also noch
Peymann hat ihn nicht vergiftet
öffentlichkeitswirksam
mit Bühnencurare
nicht auszuhalten
diese Kamerastille
nur der Tinnitus surrt
da kommt er gerade recht
der Grass mit seinen
altersunweisen halb halbweisen
ungegärten Prosaversen

"du bleibst SS-Mann"
raunt der Hochhuth
wohl wissend daß Grass
nie einer war sondern nur
monatelang ein SS-Jüngelchen
oder besser monatekurz
wußte gar nicht
daß die sich duzen
würd ich mir vielleicht verbitten
gegenüber dem Moralisten-
und Mahnerkollegen
ohne Nobeldiplom

in der zweiten Runde
schien Grass schon angezählt
nach der Pariser Backpfeife
Frauen sind sogar
Tiefschläge erlaubt
muß man nicht ernst nehmen
man schlägt nicht zurück
man wundert sich nur
über mancher Leute
musikalische Phantasien
Schlagzeilensucht schadet
zuweilen dem Gehör

was nun als nächstes?
mir wurde berichtet Grass
habe bei seinem Schneider eine
Uniform bestellt und übe
vor dem Spiegel Fuchteln

Auf Bonnies Ranch werden
Betten neu bezogen
Fragt sich nur für wen


Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?


Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Laute im Wind

Wo seid ihr alle
stumme Ahnen
ihr Lippen die
die meinen streiften
die früh verfärbten
spät gereiften
wo eure Worte die
mich mahnen

ihr lebt schon
lange in den Lüften
wo still sich
Ewigkeiten queren
wo sich die
Namenslisten leeren
Geruch befreit
von allen Düften

wo seid ihr die
nach Worten suchten
zu füttern die
Wolken die Winde
und heimlich
in Gedanken fluchten
ihr ginget von dannen
wie Blinde

was blieb ist nur
noch Schattentanz
an dunklen Tagen
ohne Glanz

 
Musikalische Ergänzung

Ohne Groll

Ressentiments sind stets zweischneidige Gebilde, und sie haben gleichermaßen das Potential zur Verletzung des andern wie auch zur Selbstverletzung, besonders dann, wenn es sich um Ressentiments gegenüber vermeintlichen Ressentiments anderer handelt.

Der Außenstehende kann nicht umhin, darüber zu lachen. Ohne Groll. 

Die Farben der Tinte

Da schreibt jemand
ein paar Zeilen Hackprosa
und wirft sie aufs Trottoir
des Boulevards und schon
kommen alle Köter angelaufen
Promenadenmischungen und
solche mit Stammbaum
und heben das Bein
Urinieren als Massenphänomen
wer hat den stärksten Strahl
Joffe oder Broder oder
und alles nur wegen
Versen die keine sind
schon gar nicht satanisch
nur ein paar undurchdachte
Gedanken von einem
der sich in letzter Tinte
versehentlich selbst ertränkt

Gehackte Prosa

Kunststoffgefühle
und vieles dumme Reden
des falschen Wortes Kühle

Feuilletonchefgedanken
der schwachen Lyrik Ranken

fahler Schwall zum bleichen Wort
falscher Spruch am falschen Ort

ein schlechtes Gedicht
Papier mit letzter Tinte
hat kaum ein Gewicht

Tirade 178 – Nicht gelöscht

Am Abend Fackeln
an den Rändern des Tages
entzündet sich Nacht

glimmt leis im verborgenen
in den Träumen blubbert Rauch

 
Musikalische Ergänzung

Neue Krone

Die FDP in NRW soll bei einem Kronenmacher eine diamantenbesetzte Krone in Heiligenscheindesign für ihren neuen König Lindner bestellt haben. Die Finanzierung gilt als gesichert, denn die FDP befindet sich bekanntlich im Wiederaufbau, und deshalb wird das Geld von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) kommen, bei der der neue Chef aus früheren Tagen ohnehin noch ein Konto hat.

Der Richter als Opfer

Gerade wer kein Schwachkopf ist, läuft immer Gefahr, von Kollegen gemobbt zu werden. So ergeht es dem Sozialrichter Jan-Robert von Renesse in Nordrhein-Westfalen, früher befaßt mit Rentenansprüchen ehemaliger Ghetto-Arbeiter. Kollegen warfen ihm "unstrukturierte Arbeitsweise" vor, stießen sich auch an seinem "belehrenden Tonfall". Ja, wenn schon der Tonfall "belehrend" ist, dann darf weggehört werden. Möglicherweise haben sie mit ihrem Vorwurf, er klinge belehrend, sogar recht; denn wer hat schon so viel Geduld, seinen anscheinend begriffsstutzigen Kollegen ein ums andere Mal in neutralem Duktus zu erklären, weshalb sie ihre gewohnte Herangehensweise, die habituell strukturierte Arbeitsweise, mal hinterfragen sollten. Und "unstrukturierte Arbeitsweise" ist natürlich ein Euphemismus dafür, daß da einer anders an die Dinge herangeht als "das haben wir schon immer so gemacht".

Renesse arbeitet laut Julia Smilga, die sich eingehend mit dem Fall befaßt hat, noch immer im nordrhein-westfälischen Landessozialgericht: "In seinem winzigen Zimmer neben der Toilette prüft er heute überwiegend Schwerbehindertenausweise."
 
Auch eine Art "Anschlußverwendung".

Der Richter und die Opfer – von Julia Smilga (WDR 5)

Tyrannei der Maße

Wo wir schon mal bei der FDP sind: Wenn der inhaltlich mäßige, aber äußerlich weniger maßhaltende FDP-Generalsekretär von der Tyrannei der Masse sprach, dann meinte er nicht etwa die bei Wahlen zustande kommenden Mehrheiten, durch die neoliberal gesinnte Minderheiten unter die Räder der Demokratie geraten könnten, nein, er hatte sich nur versprochen, denn eigentlich ist der Hintergrund der, daß er sich ausnahmsweise mal einen neuen Anzug von der Stange kaufen wollte, weil der ihm so gut gefiel, so einen chicen glänzenden, aber die Verkäuferin beim Herrenausstatter Gulliver bedauerte: In dieser Größe leider nicht. Deshalb stöhnte der Herr von der FDP: Tyrannei der Maße. Und hauptsächlich deshalb reagiert er auf Spiegel mitunter allergisch.

Anschlußverwendung und Plazierung

Wenn die FDP in absehbarer Zeit aus der deutschen Parteienlandschaft verschwindet, wird es sogar für Nullnummern wie Philipp Rösler eine schnelle "Anschlussverwendung" (dessen eigener Kommiß-Sprachgebrauch) geben, ganz ohne Einschaltung des Jobcenters, das, wie man hört, bemüht ist, die Arbeitslosen "auf dem Arbeitsmarkt zu plazieren". (Erinnert das nicht ein wenig an die unseligen Zeiten der DDR-Gastronomie? – "Warten Sie, Sie werden plaziert.") Man merkt, an der sprachlichen Umsetzung der zweifellos in hohem Maße vorhandenen Empathie könnte noch ein wenig gefeilt werden.

Alles Kopfsache

Man kennt das ja, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die klugen Köpfe.
Hier war mal wieder einer von ihnen am Werk. Zum Vergleich: Das BIP der Vereinigten Staaten liegt so etwa bei 14 Billionen Dollar, weltweit sind es etwas über 70 Billionen. Pakistan ist also scheinbar über Nacht zum reichsten Land der Welt geworden, obwohl die Industrieproduktion pro Nase nur so um die 200 US-Dollar beträgt (zum Vergleich: Deutschland – über 10 000). Um nur auf die 40 Billionen Dollar Industrieproduktion von 2007 zu kommen, müßte Pakistan etwa 200 Milliarden Einwohner haben. Das würde eng im Land.



FAZ

Über gängige Denkmaschinen

Wer Gedichte schreibt, sollte wissen: Nicht jeder Leser hat eine Denkmaschine mit integriertem Lyrikprogramm oder ein passendes Lyrikmodul griffbereit.

So gehn die Tage hin

In deinen Worten hör ich Schweigen
in deinen Blicken seh ich nichts
wie in den Versen des Gedichts
die Regenwolken trocken ziehn

und spät in abendnahen Strahlen
zum Abschied sich verneigen


Musikalische Ergänzung

Monogamie und Beziehung

Viele Beziehungen scheitern. Man ist auf der Suche nach den Gründen. Michèle Binswanger will die Hauptursache gefunden haben: falsch verstandene Treue und Monogamie. Willkommen in den sechziger Jahren. Nur, was damals notwendig war, um verkrustete Strukturen aufzubrechen, wirkt heute ein wenig lebensfremd, weil wir inzwischen in einer Gesellschaft leben, die offener ist und freier als die damalige und die gelernt hat, daß nicht alles, was natürlich scheint, auch wünschenswert und zivilisatorisch integrierbar ist.

Ich finde sie gelinde gesagt merkwürdig, diese Argumentationen, die bestimmte Teile unserer genetischen Disposition anerkennend werten, andere Teile jedoch nicht. Mag ja sein, daß Monogamie eine "junge Erscheinung" ist. Das gilt aber auch bei der Körperpflege zum Beispiel, da gibt es auch einige "junge" Erscheinungen, oder bei der Gewohnheit, seinem Gegenüber nicht gleich den Schädel einzuschlagen, wenn uns dessen Gesicht nicht paßt. Auch werfen wir unsere Kinder heute nicht mehr einfach auf den Mist, wenn sie mißgebildet zur Welt kommen. Unsere Gesellschaft zeichnet sich durch die ein oder andere zivilisatorische Errungenschaft aus.

Ich selbst halte Treue in der Beziehung und damit Verläßlichkeit für wichtig, und deshalb sollten Mann wie Frau sich ordentlich sexuell ausleben, bevor sie eine richtige Bindung eingehen. Und man sollte sich einen Partner suchen, der auch sexuell zu einem paßt – nicht nur in bezug auf gesellschaftliche Stellung, Image und Bankkonto, wie das gern gemacht wird.

Aber die Wegwerfgesellschaft, die sich durchgesetzt hat, wirkt sich auch auf Beziehungen aus. So wie man alle naselang ein neues Auto zu brauchen glaubt oder andere Novitäten, so meint man auch etwas zu verpassen, wenn man nicht jede Gelegenheit zum Fremdvögeln wahrnimmt. Das, was man hat, weiß man nicht mehr wirklich zu schätzen. Das ist der Fluch der Überflußgesellschaft, der in überzogenen Ansprüchen und Erwartungen kulminiert, was der Hauptgrund dafür ist, daß so viele Beziehungen kaputtgehen.


Die Zeit
Musikalische Ergänzung
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Der Zeitulk

Es wurde auf Sommerzeit umgestellt, und nun besteht erst mal Urlaubssperre für Kardiologen, denn die Herzinfarktpatienten werden, wie jedes Jahr, in den nächsten Tagen vermehrt Schlange stehen. Auch wird jetzt wieder mehr Energie verbraucht, weil die Heizung des Morgens eher angeworfen wird. Das bißchen Licht, das man am Abend einspart, fällt im Zeitalter der Energiesparlampen dagegen immer weniger ins Gewicht. Alles in allem eine schwachsinnige Angewohnheit, an der äußeren Uhr zu drehen. Einer der vielen Witze der sogenannten Zivilisation.

Donnerstag, 5. April 2012

Ohne Groll

Ressentiments sind stets zweischneidige Gebilde, und sie haben gleichermaßen das Potential zur Verletzung des andern wie auch zur Selbstverletzung, besonders dann, wenn es sich um Ressentiments gegenüber vermeintlichen Ressentiments anderer handelt.

Der Außenstehende kann nicht umhin, darüber zu lachen. Ohne Groll.

Freitag, 23. März 2012

Moral

Naturgemäß sind moralische Vorstellungen kulturell tradiert und damit in hohem Maße relativ, abhängig von den gewachsenen Strukturen der Gesellschaften, in denen sie sich manifestieren. Das heißt jedoch keineswegs, alle diese Vorstellungen, Normen und Gewohnheiten hätten in gleichem Maße ein Recht auf Akzeptanz. Sosehr ich die Herkunft meiner eigenen Moral reflektiere und sie damit zumindest in Teilen in Frage stellen mag, so bin doch ich selbst es, der moralische Pflöcke in den eigenen Boden treibt und dafür sorgt, daß diesen für alle sichtbar gesetzten Maßstäben so weit wie möglich Geltung verschafft wird und dem entgegenstehende Vorstellungen so abgewertet werden, wie sie es verdienen. Trotz der ungesicherten Herkunft und Geltung moralischer Normen dürfen wir in unserer täglichen Praxis keine moralische Indifferenz zulassen. In der Theorie muß das Phänomen Moral jedoch von allen Seiten intensiv beleuchtet, und deren Erscheinungsformen dürfen selbstverständlich auch radikal in Frage gestellt werden.

Donnerstag, 22. März 2012

Tirade 177 – Im Sinne Epiktets

Glücklos glücklich sein
das Leid im Larmoyanten
mit Pech begießen

statt im Unglück ergrauen
glückvoll Pechsträhnen färben


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Dienstag, 20. März 2012

Wertewandel

Früher war es auch, aber nicht nur in Deutschland üblich, positive Tugenden wie Fleiß und Genauigkeit zu Unrecht als typisch deutsch zu betrachten, heute bezeichnet man, besonders in Deutschland, das eine als Übereifer und das andere als Kleinlichkeit. Das einzige, was geblieben ist, ist das Etikett: typisch deutsch. Typischer Irrtum.

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Freitag, 16. März 2012

Als Angeber bezeichnet man "jemandem" ...


Der Lautsprecher der Dilettantenabteilung im deutschen Hobbylinguistenverband Bastian Genitivtod Sick hat wieder – im "Spiegel" – zugeschlagen. In der Zwiebelfisch-Kolumne beschäftigt er sich mit dem Vorkommen der fliegenden Gestalten in der deutschen Sprache. Wie immer volkstümlich und anbiedernd launig, wie Quadrantarius-Professionelle es besonders lieben. Normalerweise lese ich diese Sachen nicht mehr, aber, nun ja, man hört bisweilen in einem schwachen Moment auch eine Schnulze im Radio.

Sick

Herr Sick weiß nicht immer, wo Kommas zu setzen sind und wo nicht, geschenkt. Allein, daß niemand "Pleite gehen" kann, sondern nur pleitegehen, das sollte er, als der Sprachspezialist, für den er sich hält, schon wissen. Aber vor allem sollte er nicht die Fälle durcheinanderbringen, auch wenn's mal nicht um den Genitiv geht. Als einen Angeber bezeichnet man nicht "jemandem", als Angeber bezeichnet man jemand oder jemanden. Zum Beispiel jemanden, der sich anmaßt, andere belehren zu wollen, sich selbst jedoch ausnimmt.

Seine Lapsus sprechen nicht für ihm. Ich meine ihn.  

Zwiebelfisch

Donnerstag, 15. März 2012

Tirade 176 – Hinter den Bergen

Im Schatten stehen
ein jeder kreist um jeden
dann wieder im Licht

wenn sie Sieger verkünden
tropfen die Sterne ins Meer

Die Idiotie des Kapitalismus

Volkswagen hatte im letzten Jahr den Gewinn auf 19 000 Millionen Euro verdoppelt, mehr als das Bruttosozialprodukt von Zypern oder Bolivien und vergleichbar mit dem von Afghanistan, einem Land mit immerhin dreißig Millionen Einwohnern, und hat angekündigt, dieses Jahr ohne Gewinnsteigerung auszukommen. Schon liest man in der Presse, auch bei VW "wüchsen die Bäume nicht in den Himmel", "beim Gewinn in der Warteschleife", "VW tritt auf der Stelle". Von "Stagnation" ist die Rede, die Börsenkurse sinken. Und wenn sich der Gewinn, der sich gerade verdoppelt hatte, wider Erwarten halbieren sollte, dann wird vom Untergang des VW-Konzerns schwadroniert werden. Das ist die Logik der Denkgestörten in den Redaktionen. Nicht zu vergessen: Wir befinden uns in der Krise, und daraus haben wir uns erst befreit, wenn jeder heutige Millionär Milliardär geworden ist. Da muß der VW-Chef Winterkorn mit einem mageren Jahreseinkommen von nur 17 Millionen Euro noch ein wenig sparen.

Donnerstag, 1. März 2012

Falschgläubige

Gläubige ernennen andere Gläubige zu Ungläubigen, Rechtgläubige fühlen sich im Recht, Nichtgläubige sind stolz auf ihre scheinbare Resistenz in Glaubensfragen, aber sie alle sind Falschgläubige, weil sie denken, es gäbe etwas Rechtes zu glauben oder nicht zu glauben. Tatsächlich gilt es zu wissen, daß Glaube eine schlechte Angewohnheit ist wie Alkohol- oder anderer Drogengenuß und wie dieser gleichermaßen kurzfristig berauschend, mittelfristig problematisch und auf lange Sicht verhängnisvoll. Letzteres dem Leben ohne Drogen nicht unähnlich.
Akustische Ergänzung

Dienstag, 28. Februar 2012

Tirade 175 – Plagiat

Nicht zu vergessen
wenn du dich artikulierst
Anführungszeichen

wer schrie nicht vor Entsetzen
jeder Todesschrei Zitat

Akustische Ergänzung

Jeder oder keiner

Wie merkwürdig, selbst bei einem so gebildeten Mann wie Goethe solch einen gravierenden Logikfehler zu finden: 
Kircher hat bei dem vielen, was er unternommen und geliefert, in der Geschichte der Wissenschaften doch einen sehr zweideutigen Ruf. Es ist hier der Ort nicht, seine Apologie zu übernehmen; aber so viel ist gewiß: die Naturwissenschaft kommt uns durch ihn fröhlicher und heiterer entgegen als bei keinem seiner Vorgänger.
Farbenlehre
Das Gegenteil wäre richtig: Fröhlicher und heiterer als bei jedem ..., nicht bei "keinem ..." Oder so fröhlich und heiter wie bei keinem ...

Donnerstag, 23. Februar 2012

Tirade 174 – Verrohung der Blicke

Ist längst geschehen
die Verrohung des Geistes
zu spät hingeschaut

geschieht immer wieder neu
die Verrohung der Blicke

Wie stets zweierlei Maß

Leider hat man es vor langer Zeit versäumt zu verhindern, daß die monotheistischen Religionen Bücher zu Heiligtümern erklärten; ohne heilige Bücher wären mit Sicherheit viele Millionen Liter Blut weniger in die aufnahmebereite Erde gesickert. Heute wiegeln die Taliban das afghanische Volk zum Mord auf, weil Amerikaner so unsensibel waren, Bücher zu verbrennen, die andern als heilig gelten. Den Ausländern soll Achtung vor islamischen Symbolen beigebracht werden. Die gleichen Taliban fanden es 2001 passend, achtlos die Buddha-Statuen von Bamiyan zu sprengen.

Menschenkenntnis

Im Laufe der Jahre bildet sich bei den meisten Menschen ein Geflecht von Vorurteilen, die sie Erfahrung nennen, und deshalb betrachten sie die andern (wie sich selbst) meist recht oberflächlich und geben ihnen nur dann die Chance, genauer angeschaut zu werden, wenn sie ins Schema passen, das sie sich zurechtgelegt und dessen Grundlage sie mit dem Namen Menschenkenntnis versehen haben. Es ist sehr schwer, ein solches Verhalten abzustellen, weil dem unbewußte, nicht reflektierte Prozesse zugrunde liegen. Sich selbst nimmt man vor allem deshalb nicht realistisch wahr, weil man gleich einer Mater genau der stereotypen Grundform entspricht, die man sich zurechtgebastelt hat – eingehende Betrachtung nicht notwendig, denn man glaubt sich zu kennen, auszukennen mit sich selbst.
Akustische Ergänzung

Herzensgut

Im allgemeinen sollte man sich hüten, beim Menschen von der Physiognomie auf den Charakter zu schließen, aber es gibt Ausnahmen von der Regel. Der Herr Moreno beispielsweise bezeichnet Schüler, die für warme Klassenzimmer demonstrieren, als "enemigos", also "Feinde", und dennoch sorgt er sich, von Menschenliebe getrieben, so sehr um sie, daß er sie mit Tränengas, Gummigeschossen und Knüppeln von der Straße treiben läßt, damit sie nicht unter die Fahrzeuge unaufmerksamer Autofahrer geraten. So jedenfalls seine Begründung des Einsatzes. Ich finde, wie herzensgut dieser Mensch ist, sieht jeder auf den ersten Blick.




Antonio Moreno bei elplural.com

Tirade 173 – Frühapokalypse


Knacken im Gebälk
kalkrieselnder Überbau
zerschwätztes Geschwätz

wer darf wo Honig saugen
wer ist die Magd wer der Knecht

Rechtfertigung

Menschen auf verzweifelter Sinnsuche oder solche in einer schmerzenden Sinnkrise fragen sich manchmal, wodurch das Dasein der Welt gerechtfertigt, worin es begründet sein könnte. Doch bedarf es einer Rechtfertigung, und ist Rechtfertigung tatsächlich möglich? Rechtfertigung setzt Moral voraus, jede Moral jedoch ist wegen ihrer Relativität fragwürdig, und es verbietet sich, das eine Fragwürdige auf der Grundlage eines andern Fragwürdigen zu rechtfertigen. Sinnleere kann nur dem weh tun, der an Sinn glaubt; wenn einer jedoch an Sinn glaubt, ist Sinnleere nicht existent. Paradox, mal wieder. So scheint aller Schmerz in Hinsicht auf den Sinn des Seins entbehrlich, es sei denn, man ist von der Existenz als Inkarnation des Bösen überzeugt. Doch auch in diesem Fall wäre das metaphysische Zähneklappern Folge eines moralischen Miß-Verständnisses.
Akustische Ergänzung

Demokratisch ist das nicht

Kaum ist ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen, wer in Kürze der neue Bundespräsident sein wird, mit einer breiten Mehrheit gewählt und ebenfalls von einer Mehrheit der Bevölkerung mit Wohlwollen betrachtet – was erst mal natürlich nichts heißt –, da geht die Netz-Nörgelei derart massiv los, daß man sich verwundert die Augen zu reiben gezwungen ist. Ob nun aus dem Zusammenhang gerissene Zitate überinterpretiert oder obskure Stasilegenden wiederaufgewärmt werden, daß es nur so kracht: "Der Herr Diestel wollte was sagen" – oder gar geraunt: Die Eltern waren NSDAP-Mitglieder –, hier wird versucht, jemanden zu diskreditieren, noch bevor er ins Amt gewählt und eingeführt wurde. Demokratisch ist das nicht, und da sind wohl noch Rechnungen offen. Ich für mein Teil bin nicht so naiv, zu glauben, der Bundespräsident müßte grundsätzlich meine Meinung vertreten. Das kann ich nur selbst tun.

Freitag, 17. Februar 2012

Die Botschaft der Dinge und die Desillusionierung


Die Dinge sind nie Boten gewesen, wir haben sie früher nur dafür gehalten oder tun es heute noch. Die Desillusionierung, wenn sie stattfindet, führt dazu, daß alles schleichend der menschlichen Projektion entzogen wird und dann, bei der nächsten eingehenden Prüfung, durchfällt. Projektionsfläche löchrig. Jedes neue Entzünden hat zum Wozu nur die unbewußte Hoffnung, diese Löcher zu stopfen, aber die Frage nach dem Wozu ist nicht zu beantworten, weil schon in der Frage ein Fehler steckt, nämlich der Glaube, alles müßte ein Wozu hergeben. Solche Fragen bedenken nicht, daß Kategorien wie Nutzen, Zweck, Ziel und Sinn anthropomorphe Erfindungen sind und keine universellen Voraussetzungen haben. Kein Gott, der sich etwas wünscht, und keiner, der zu einem Ziel strebt.
Mit Heidegger gesprochen, bedeutet Individuation Transzendenz des Seins des Seienden und damit gewissermaßen Entleerung des Kosmos. Bleibt am Ende jedoch nicht die Wiederauffüllung durch individuelle Sinnstiftung, sondern die Aufhebung des Konzepts Sinn durch die Transzendenz des Individuums, das sich selbst als ebenso konzeptionell begreift wie die von ihm stillschweigend aufgesogene utilitaristische Weltsicht. 
Dank an Alcide für die Anregung.
Akustische Ergänzung

Mittwoch, 15. Februar 2012

Botschaft aus Kakanien 12

Nichts treibt dich hier fort
nicht das Licht nicht die Schatten
nicht Sturm nicht Sonne

allein im Sein verfangen
sichtbar im Verborgenen




Akustische Ergänzung

Botschaft aus Kakanien 11

Im Mahlstrom der Zeit
versinken Ophelien
kein Rufen kein Schrei

zu ahnen nur Erkennen
im Sichtbaren verborgen



Akustische Ergänzung

Montag, 13. Februar 2012

Botschaft aus Kakanien 10

Die gefangenen Tropfen
klirren verwandelt im Licht
ermattender Trotz

an den Füßen leckt Wasser
kaum hörbar stöhnt Eisgeflecht


Akustische Ergänzung

Sonntag, 12. Februar 2012

Botschaft aus Kakanien 9

Die Formen schwinden
kehren zum Ursprung zurück
heimlos heimsuchend

Anfang heimsuchend heimlos
ewig neues Beginnen



Akustische Ergänzung

Botschaft aus Kakanien 8

Geburt der Tränen
Schmerz murmeln die Disteln Leid
klirrt verborgen im Eis

im sprachlosen zersinnten
Wechsel wäßriger Worte




Akustische Ergänzung

Botschaft aus Kakanien 7

Ins Eis geborgen
kakanischer Flaschenpost
zerknülltes Papier

in der Nähe die Scherben
Nachricht wurde empfangen




Akustische Ergänzung

Botschaft aus Kakanien 6

Der Stoff zum Löschen
allzu glühenden Blühens
aus Eis geboren

Seienden loses Sinnen
in geschmolzenen Träumen




Akustische Ergänzung

Botschaft aus Kakanien 5

In Zeit beizeiten
tropfendes Wellenwerfen
kreisendes Suchen

kein Ausweg in den Lüften
und harte Hände am Rand



Akustische Ergänzung

Botschaft aus Kakanien 4

Tropfen in Tropfen
Arithmetik des Wassers
eins plus eins gleich eins

die nasse Familie
widerstrebt der Zählerei




Akustische Ergänzung

Freitag, 10. Februar 2012

Botschaft aus Kakanien 3

Noch ist es ganz still
im kaltgepreßten Grauen
wie ein Schrei im Traum

kaum ein leises Entsinnen
nur ein schweigsames Ahnen


Akustische Ergänzung

Dienstag, 7. Februar 2012

Botschaft aus Kakanien 2

Ob dort etwas tönt
im eisig grauen Reigen
ein traumtrüber Schall

im Sinnlosen ruht der Sinn
schmilzt entsinntes Sein

 

 Akustische Ergänzung

Samstag, 4. Februar 2012

Tirade 172 – Botschaft aus Kakanien

Wer weiß was da tönt
im eisgewirkten Schweigen
schläft der trübe Schall

ruht im Sinnlosen der Sinn
schmilzt entsinntes Sein

 
Paula Doepfners Eisblock
Paula Doepfners Eisblock im Stadtmuseum Brilon

More than I can hide
Paula Doepfner
Preisträgerin Kunstpreis Östliches Sauerland 2011
4. Februar – 11. März im Museum Haus Hövener

Montag, 23. Januar 2012

E und U

Lächerlich, heute noch an dieser überkommenen bildungsbürgerlichen Unterscheidung zwischen dem Ernsten und der Unterhaltung festzuhalten, als gäbe es nicht ebenso belangloses, grausam langweiliges Schwerkulturelles wie auf der (angeblich) anderen Seite tiefsinnige unterhaltende Popkultur, also viele Sorten Käse. Die "vielbeschworenen Grenzen" zwischen E und U sind nichts weiter als Toleranzgrenzen in den Köpfen der Rezipienten; deshalb kann ein Künstler sie nicht ohne weiteres aufheben. Die sich objektiv gebende Kulturhierarchisierung geht in erster Linie auf Distinktionsbestrebungen der eingebildeten Kultureliten zurück und ist jenseits von Statusspielereien weitgehend bedeutungslos. Ob Hochkultur oder Pop, entweder es taugt etwas oder ist Schrott oder so lala, und jeder muß das ganz subjektiv in jedem Einzelfall entscheiden. Man sollte sich natürlich nicht ein E für ein U vormachen (lassen), aber auch kein U für ein E.

Der atmende Sinn

Ohne Ausrüstung unter Wasser zu atmen hat vordergründig keinen Sinn. Wie aber erkennt der Mensch, der weitgehend blind ist und allen Grund hat, seiner Wahrnehmung zu mißtrauen, am zuverlässigsten, ob er sich unter Wasser befindet?

Indem er versucht zu atmen.

Hingucker

Erstaunlich, wie der eine dem andern nach Papageienart nachplappert, ohne genau hinzugucken – oder vielmehr hinzuhören –, was er von sich gibt. So hat sich seit einiger Zeit der Begriff "Hingucker" wie Ambrosia verbreitet. Ob nun lange weibliche Beine, Schmuck, außergewöhnliche Schuhe oder ein futuristisches Autodesign: Allesamt wird das, was geradezu magnetisch Blicke auf sich zu ziehen, sie einzufangen scheint, neuerdings gern und oft als "Hingucker" apostrophiert, als wäre das nicht eher eine passende Bezeichnung etwa für jemanden, dem solcherart unpassende Wortverwendung aufstößt, weil er sie durch Hingucken wahrnimmt. So gesehen sind die, die den Begriff "Hingucker" im Sinne von Blickfang benutzen, Weggucker, Sprachspiegellose. Dort, wo die Rendezvous von Sprache und Logik beobachtet werden können, gibt es eine Menge Stolperdrähte – oder sollte ich sagen: Hinfaller –, die die allzu schlechten Seher und Blindläufer in die Horizontale zwingen. Nichtgucker und Weggucker werden hingefallert.