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Dienstag, 6. Dezember 2011




Spät im Jahre

Die Lüfte schnauben
weiße Winde überall
Wintergespenster

sie haben sich verspätet
hinter Flocken früher Mond

Sonntag, 4. Dezember 2011

Pseudo

"... Schlossbesitzer Bemering ..., der mit dem Kommissar bei erlesenem Rotwein pseudophilosophische Gespräche über den Wert des Menschen an sich führt ..."

Ein "Gespräch über den Menschen an sich" ist nicht schon deshalb ein pseudophilosophisches Gespräch, weil derjenige, der den Begriff "pseudo" benutzt, nicht daran beteiligt ist. Ein Gespräch über den Menschen an sich ist immer ein philosophisches Gespräch, selbst dann, wenn die Gesprächsbeiträge so banal sind wie manche Kritiken. Das Wort "pseudophilosophisch" soll hier seinen Verwender adeln, der wahrhaft philosophisch zu sprechen sich selbst und einigen wenigen andern vorzubehalten versucht.

FAZ

Vorsätzliche Absicht

Die Strg-c-Komödie nimmt inzwischen groteske Züge an:

"Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, die Staatsanwaltschaft Hof sei nicht von einem Täuschungsvorsatz ausgegangen. Richtig ist jedoch, dass die Staatsanwaltschaft nicht von einer Täuschungsabsicht ausging. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen."  So der "Spiegel" im Nachtrag eines Artikels.

Welchen Fehler? Was soll das bedeuten? Per definitionem ist doch ein "Vorsatz" die "feste Absicht". Der Fehler liegt wohl eher darin, daß die Staatsanwaltschaft sich, im Gegensatz zu den Gutachtern der Universität, täuscht. Ob mit Vorsatz oder mit Absicht oder ohne irgendwas, diese Frage kann hier nicht beantwortet werden. Allerdings muß darauf hingewisen werden, daß noch 1793 Ernst Ferdinand Klein, geheimer Justiz- und Kammergerichtsrat, in den "Annalen der Gesetzgebung ..." von "vorsätzlicher Absicht" spricht.

 
Daß Juristen heutzutage selbstverständlich bessere Sprachwissenschaftler sind als Linguisten, ist mir als Nichtjurist immerhin ein wenig klar.
 
Die Uni Bayreuth hat, obgleich auch Juristen zugegen waren, Täuschungsvorsatz festgestellt, die Staatsanwaltschaft bestreitet, laut "Spiegel", die Täuschungsabsicht, wie betont wird, den Vorsatz, wer weiß, möglicherweise nicht so ohne weiteres. In der Presseerklärung zur Einstellung des Verfahrens findet sich weder das Wort "Absicht" noch das Wort "Vorsatz", also darf spekuliert werden. Folglich, so schließe ich daraus, muß es sich um einen unabsichtlichen Vorsatz gehandelt haben, keineswegs jedoch um vorsätzliche Absicht.


Der Spiegel

Selbst-Enttäuschung

In den meisten Fällen sind wir selbst verantwortlich für unsere Enttäuschungen: weil wir zugelassen haben, daß wir vorgeführt, getäuscht wurden – entweder von anderen, aber immer auch von uns selbst.  Wenn wir das bemerken, sind wir sauer auf uns, und diese Selbst-Enttäuschung ist der schmerzhafteste Teil der Enttäuschung.

Das Hörrohr

"Nanu, so ganz ohne Hörrohr, wie kommt denn das, Sie haben doch sonst immer so ein Hörmonstrum dabei?", fragte mich ein zur Hälfte italienischstämmiger deutscher Journalist, als wir uns in einem Budapester Hotel zu Palatschinken mit Marillenmarmelade trafen. "Eine nette pakistanische Ohrenärztin hat mir gesagt, daß ich auch ohne Hörgerät hervorragend hören könne", sagte ich. "Ich war verwundert, habe jedoch mein Hörrohr wenig später dem Ohnsorg-Theater geschenkt, und siehe da: Ich höre besser als je zuvor. Ist das nicht unglaublich? Nur zum Autofahren brauche ich noch ein ähnliches Rohr (leihe ich mir jetzt beim ADAC), denn ohne kann ich die Sendungen im Autoradio nicht verfolgen, weil ich nur ein Brummen höre." Giovanni, der Journalist, fand das glaublich, glaubwürdig. Unglaublich, fand ich.
 
Was ich am meisten vermisse bei der Diskussion um den fränkischen Halbmessias, das ist nicht die Antwort auf die Frage, ob Guttenberg ein Betrüger ist oder nur ein Dummkopf oder heimlicher Konsument psychotroper Substanzen, nein ich wüßte gern, wie die Behauptung, zuletzt wieder von ZEIT-Giovanni, dieser Mann habe außergewöhnliches politisches Talent, begründet wird. Worin könnte dieses Talent bestehen? Es kann doch nicht allein dessen Überheblichkeit, die narzißtische Wahnhaftigkeit sein oder die schlechte Angewohnheit, die Hand in der Tasche zu lassen, wenn man mit jemandem spricht. Das alles findet man auch beim gewöhnlichen Eckensteher und Hinterbänkler. Oder ist es der morbide Charme der selbsternannten Eliten von vorgestern, der ihm aus allen Knopflöchern dampft? Ja, was ist es? Kann mich jemand aufklären? 

Gleichmut

Ich empfehle, sich von monströsen Terminius-technicus-Exzessen wie etwa dem Extremkompositum "Widerfahrnisbewältigungskompetenz" ebensowenig beeindrucken zu lassen wie von deren schlichtem anglizistischem Pendant ("coping") und mit angemessenem Gleichmut zu reagieren, wenn einem beim Lesen derartige Sprachschöpfungen widerfahren. Im ganzen gesehen, das gebe ich ehrlich zu, schwanke ich in solchen Fällen der Terminologiegestaltung allerdings zwischen Erheiterung und Frustrationsintoleranz.

Lieferwagen

Da die Politiker in letzter Zeit verstärkt dazu übergegangen sind, Lieferungen anzukündigen (und dies von der Presse oder anderen Politikern eingefordert wird – jüngstes Beispiel Morgenpost), sollte ihnen Gelegenheit gegeben werden, das tatsächlich zu tun. Deshalb schlage ich vor, die Dienstlimousinen durch Lieferwagen zu ersetzen. Hoffentlich können die Hersteller liefern.

Dienstag, 29. November 2011

Identitätsverschiebung

Noch vor einigen Jahrzehnten galt das antike "Erkenne dich selbst" als das heimliche Ziel alles bewußten Lebens. Diese Art der Selbstfindung wird mehr und mehr abgelöst durch permanente Selbsterfindung, Selbstinszenierung, so daß das lebenslang haltbare Konstrukt eines stabilen Selbst zunehmend in Frage gestellt wird, genauso wie die Notwendigkeit des Blicks nach innen. Wer sich selbst ständig neu erfindet, hat keine Zeit und keinen Raum für Selbsterkenntnis, und es gibt auch keinen Grund dazu, denn das Selbst wird zunehmend zu einer äußeren Funktion des Menschen. Im Innern hallt es nur noch leer, wenn man hineinruft.

Sonntag, 27. November 2011

Kohortenkram und seine Krämer

Nach dem – ermüdenden – und Staublunge fördernden, wenngleich erhellenden Lesen mehrerer sozialwissenschaftlicher Bücher mit viel Statistik und Empirie, Daten über unterschiedliche Altersgruppen, kurz Kohortenkram, ist mir ein griffiger Begriff eingefallen, unter dem Sozialpsychologen und Soziologen pejorisierend zusammengefaßt werden können: Kohortenkrämer. Die Rache des eingestaubten Lesers. 

Externalisierung von Selbsterkenntnis

Unter denjenigen, die konstatieren, daß die Zahl der Menschen mit problematischer Persönlichkeitsstruktur stark zunimmt, finden sich erstaunlich viele mit problematischer Persönlichkeitsstruktur. Da die Zahl derartiger Hobbypsychologen in letzter Zeit gewaltig zugenommen hat, tritt tatsächlich das ein, was diese, anfangs zu Unrecht, festgestellt haben: eine Inflation im Bereich der soziopathologischen Zeitgenossenschaft. Verunglückte Selffulfilling prophecy oder auch eine Art Positivierung des negativen Denkens.

Samstag, 26. November 2011

Wo der Pfeffer wächst

Wo der Pfeffer wächst
braucht ein Mann keinen Titel
nur zum Arbeiten Hände

aber nicht in der Tasche
nur der Mund sollte ruhen

Donnerstag, 24. November 2011

Tirade 171 – Zeit finden


Du könntest schreiben
fändest du dazu die Zeit
solltest mal suchen

das aber kostet viel Zeit
Zeit suchen Zeit verschwenden

Mittwoch, 23. November 2011

Der Segen der Medizin

Die US-amerikanische Arznei- und Lebensmittelaufsicht FDA hat festgestellt, daß innerhalb von fünf Jahren Zehntausende Herzinfarkte auf die Einnahme des Schmerzmittels und Antirheumatikums Vioxx zurückgeführt werden können. Dem vorangegangen war ein gutes Geschäft für Pharma-Manager und -Aktionäre, auch für  Drugstores und die Damen und Herren Apotheker. In der Folge eine prachtvolle Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Kardiologen. Je gesünder die Medizinbranche, so scheint es, um so kränker die Patienten.

Kuchenorthographischer Irrtum

In der "Berliner Morgenpost" zog heute ein gewisser Gilbert Schomaker eine Rechtschreibungsshow ab und tat sich als Spezialist für Orthographie hervor: Er meinte, das Tortengeschenk, das die Linke dem (weiterhin) Regierenden Bürgermeister zukommen ließ – "Viel Spass mit den Neuen!" – sei kuchenorthographisch mißlungen: "mit Doppel-s statt korrekt mit ß geschrieben". Schaut man sich jedoch den Kuchen genauer an, dann ist nicht zu übersehen, daß es sich bei den Buchstaben um Versalien bzw. Kapitälchen handelt. Ein "ß" hat es aber bei Versalien und Kapitälchen aus nachvollziehbaren Gründen noch nie gegeben. "SPAß", wie von Herrn Schomaker als korrekt betrachtet, ist also falsch. Peinliche Schlechterwisserei. Für solchen Unsinn soll man zu allem Überfluß auch noch bezahlen.

Dienstag, 22. November 2011

Nachtflug über Afrika

Als ich Afrika überflog
zuckten seine Lichter
in der Ferne
an wenigen Stellen
blinkten unter den Lidern
wie verwaiste Leuchtreklamen
Afrika, unser Heimatland
ein bischen hell ganz im Norden
an den Küsten
und im äußersten Süden
in der Mitte Schwärze
fast wie im armen
Nordkorea

Beinahe paradox

Nur wer sich mit allen Konsequenzen darüber klar ist, daß er jederzeit sterben kann, kann dem Leben mit Freude alles abgewinnen, was es zu bieten hat. Wer die Todesbedrohung, die über ihm schwebt, ebenso verdrängt wie die unumstößliche Tatsache seiner Sterblichkeit, läuft Gefahr, in Unzufriedenheit und Mißmut abzugleiten und sich vom Leben betrogen zu fühlen.  

Montag, 14. November 2011

Zwischen den Zeilen

Viele Leser behaupten, zwischen den Zeilen lesen zu können, was früher so manchen Autor verwunderte, der sich sicher war, nicht zwischen den Zeilen geschrieben zu haben. Mittlerweile sind die meisten Autoren dazu übergegangen, zwischen den Zeilen zu schreiben. Wer allerdings glaubt, eine solcherart veränderte Buchproduktion spare eine Menge Papier (oder Speicherplatz), der sieht sich getäuscht: Die Bücher werden dennoch immer dicker. Wenn die Autoren nicht so fleißig zwischen den Zeilen schrieben, gäbe es vermutlich nur noch Folianten vom Typ "Krieg und Frieden" in einem Band.

Donnerstag, 10. November 2011

Tirade 170 – Ruhetag

Heute Ruhetag
geschlossen meine Lippen
als klebten sie fest

sehe nur höre fühle
schlösse gern alle Poren

Out of Time

Verabredet mit einem Freund, stehe ich um Viertel vor acht in meiner neuen alten Heimat, very small town, auf dem Bürgersteig vor einem  im unteren Bereich fensterlos erscheinenden, weil plakatierten Gebäude im Dunkeln. Nichts regt sich. Angeblich soll hier um acht die legendäre Blues-Röhre Chris Farlowe mit der Norman Beaker Band Musik machen. Wenn das tatsächlich stimmen sollte (immerhin steht es auf dem Plakat an der Wand), wieso tut sich hier nichts? Datum stimmt, Zeit stimmt – was ist los? Das ist hier ja wie in Berlin, wo man abends um elf zur U-Bahn schlendert, wenn das Konzert oder die Fete um zehn losgehn soll.

Kurz darauf trudeln dann doch die ersten Leute ein, man redet über dieses und jenes Konzert, und wie beiläufig öffnet sich die Tür. Karten werden abgerissen, es gibt einen Stempel aufs Fleisch, und ich bin drin in den späten Sechzigern, höre Gutelaunelachen und Deep Purple, Hendrix und Led Zep und reibe mir verwundert die Augen. Ich war mal kurz vierzig Jahre fort, und nun bin ich wieder da. Prost.

 
Später wird gesagt, es sei hier nicht immer so unzeitgemäß, aber ja, natürlich, das geht mir mit mir selbst auch nicht anders.

Nach einer Weile wird die Band angekündigt – der Veranstalter ist selbst überrascht, daß er es geschafft hat, sie hier und heute auf die Bühne zu bringen –, und die Instrumente spucken die ersten Töne aus. Auch ich bin überrascht – über die tatsächlich annehmbare Akustik in diesem kleinen Raum, alles geregelt vom Laptop-Mischpult aus, das auf der Theke steht.
Norman Beaker, der aussieht wie ein melancholischer Richard Rogler, spielt Gitarre und beginnt zu singen. Mein Freund, der seine Brille nicht dabeihat, denkt, das sei bereits Chris Farlowe, und freut sich, aber ich sage: Abwarten. Und nach dem Stück kommt er dann, der Meister selbst, und nimmt mit seiner Stimme den ganzen Raum in Besitz.

Was folgt, ist eines dieser Konzerte, an die man sich gern erinnert. Alles paßt, Band und Publikum haben Spaß, kommunizieren miteinander (selten einen so witzigen und dem Publikum derartig dauerhaft zugewandten Musiker gesehen) und erleben gemeinsam einen unzeitgemäßen Wimpernschlag der Zeit. 

Zum Schluß noch ein paar zeitgemäße Gespräche. Rund, das Ganze.



I'll Sing the Blues for You
 
 
 
ChrisFarlowe im Kump

Konzert im Kump

Mittwoch, 9. November 2011

Plapperheinis Laberkiste. Markenkern.

Die CDU sei insgesamt "gut beraten, wenn sie an ihrem Markenkern der inneren Sicherheit festhält". Sagt ein ehemaliger CDU-Innensenator in Berlin über einen, der Zäune errichten läßt, damit Obdachlose nicht zu ihrem Quartier unter einer Brücke gelangen können.

In Hamburg wird der "Markenkern der CDU" vermißt, die Stadt sei so autofahrerunfreundlich geworden. "Merkel entkernt die CDU", heißt es in der SZ. Der Bonner Generalanzeiger sieht "Die Union ... Marke ohne Wert". Die NRW-SPD will "zurück zum Markenkern". Und so weiter und so fort. Hatte man bisher gedacht,  CDU, SPD oder andere ähnliche Gebilde seien Parteien, stellt sich nun heraus: Sind sie nicht, sie sind Marken, so wie ALDI oder das Posaunenwerk der evangelischen Kirche Hessen-Nassau – "es lohnt sich (, sich) für diese große Marke der EKHN einzusetzen" – oder DIE LINKE, wo es beim letzten Parteitag (aus dem Kreisverband Krefeld) hieß, der Markenkern der Linken dürfe nicht aufgeweicht werden. Glück auf im Betonbau.

Man möchte, leicht abgewandelt, mit Wilhelm II. sagen: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Marken.

ABC-Schützen

Wenn man diese ABC-Schützen betrachtet, so wird deren Gefährlichkeit nicht bewußt, sie sehen eher aus wie Schulanfänger, die früher auch i-Männchen genannt wurden, und nicht wie Menschen, die uns mit atomaren, bakteriologischen und chemischen Waffen bedrohen. Kann es sein, daß Abc-Schützen gemeint sind?



Focus Online

Dienstag, 8. November 2011

Ungeklärte Todesfälle

Komische Sache, Bankräuber in Thüringen erschießen sich nach erfolgreichen Banküberfällen angeblich selbst. Anschließend verbrennen sie sich. In Sachsen explodiert ein Haus. Merkwürdige Geschichten. Aber keinen Journalisten scheinen die genauen Umstände  weiter zu interessieren. In den Zeitungen bzw. deren Onlineportalen wird munter drauflosgeplappert von Selbstmord und geklärten Fällen. Warum so einfach und beinahe plausibel? "Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger sagte dem Südwestrundfunk (SWR), er gehe davon aus, dass der Mord von den beiden toten mutmaßlichen Bankräubern ... begangen wurde" (Focus). Erstaunlich.
Fassen wir zusammen: Tote Bankräuber erschießen Menschen, bevor sie sich selbst erschießen. Dann verbrennen sie sich. Klingt überzeugend.
DIE WELT
NEWS

Der Gegensatz des Optimismus

Viele glauben, der Gegensatz des reinen, unverfälschten Optimismus wäre der reine, unverfälschte Pessimismus. Das ist ganz falsch, vielmehr ist Realismus der Gegensatz, denn während der Realist sich nicht vorstellen mag, braucht und kann, in naher oder fernerer Zukunft, also noch in diesem Leben, zum Optimisten zu werden, muß der Pessimist solch eine Wendung für durchaus möglich halten.

Montag, 7. November 2011

Tirade 169 – Nebelherbst

Benebeltes Gras
schmerzlich darniedergedrückt
die hohlen Halme

ohne alle Erwartung
nur der Mond spricht noch leise

Tirade 168 – Den Lüften entwichen

Krähen im Nebel
auf den wankenden Zweigen
tanzen Gleichgewicht

wippen verstockt im Winden
schweren Lüften entwichen

Über Übel

"Die eingebildeten Übel sind die unheilbarsten", sagt angeblich Marie von Ebner-Eschenbach. So jedenfalls steht es in einer der vielen Sprüchesammlungen im Netz.

Da eingebildete Übel keine Übel sind, sondern nur Ideen von Übeln oder Meinungen über sie, sind sie durchaus heilbar, so wie die falsche Komparation von Absolutadjektiven. Daß "unheilbar" nicht zur Bildung eines Superlativs taugt, gleichwohl jedoch dazu mißbraucht wird, ist also zwar kein eingebildetes Übel, sondern ein tatsächliches, aber trotzdem ist es ein heilbares.

Schlägt man im Buch nach, findet man: Marie von Ebner-Eschenbach ist nicht verantwortlich für die fälschliche Steigerung des Nichtsteigerbaren, denn sie sagt formal richtig: "Eingebildete Übel gehören zu den unheilbaren." Ich denke nicht, daß das inhaltlich immer stimmt, aber die Toren, die etwas zum Übel erklären, das gar keines ist, gehören nicht selten zu den Unbelehrbaren.

Mehrdimensionales Denken

Alle Welt redet von 3-D-Filmen, -Kameras, -Fotoapparaten -Fernsehern. Der Blick in die Tiefe ist das Gebot der Stunde. Beim Denken allerdings erfreuen sich bei denselben Leuten weiterhin die binären Schematisierungen, die für die Fundamentalismen dieser Welt unverzichtbar sind, besonders großer Beliebtheit, und wenn einer mal simples Farbendenken im schwarzweißen Raum betreibt, dann schütteln zwanzig andere den Kopf und glauben, es würde ihnen nicht schaden, ihre Nervenzellen auf diese Weise durcheinanderzubringen. Forscher sind inzwischen in der Lage, die "Tätigkeit" der Synapsen in 3 D zu betrachten; nur um die Ergebnisse ihrer Betrachtungen fruchtbar zu interpretieren, braucht es mehr als die traditionellen dyadischen Schemata. Verändertes Sehen führt nur dann zu verändertem Denken, wenn die Sicherheiten logischer Denkmuster wenigstens zeitweise und provisorisch in Frage gestellt werden. Leider ist das einfache Denken vor allem eines: einfacher. Beim Sehen hilft die Brille. Was hilft beim Denken?

Sonntag, 6. November 2011

Die alternde Mnemosyne

Haben wir etwas verlegt, neigen wir, wenn wir in die Jahre kommen, dazu zu glauben, unser Gedächtnis hätte nachgelassen, was dadurch untermauert wird, daß wir beispielsweise öfter auf der Suche nach verlegten Gegenständen zu sein scheinen als früher. Wohl weil wir uns, wie bereits zu früheren Zeiten, nicht mehr daran erinnern mögen, in der Vergangenheit ähnlich häufig nach etwas gesucht zu haben wie heute, halten wir ein mit der Zeit nachlassendes Gedächtnis für unausweichlich. Tatsächlich ist es so, daß die Gedächtnisleistungen im höheren Alter ein wenig nachlassen, aber das liegt zum großen Teil daran, daß viele meinen, sie müßten sich jeden Quark merken, und damit die mnemonische Registratur in ihrem kognitiven Apparat unnötig überfordern.

Der Hauptgrund für unnötiges Suchen ist jedoch eine Abnahme der Bewußtheit. Wir erinnern uns nicht mehr, wohin wir die Bohrmaschine gelegt haben, weil wir beim Ablegen mit den Gedanken bereits woanders waren, etwa bei Schrauben und Schraubenzieher. Je mehr uns bekannt ist an Gegenständen und Abläufen, um so mehr wird als selbstverständlich betrachtet und damit aus dem Bewußseinsfokus ausgesondert. Kennen wir alles.

Wer zunehmend vergeßlich wird, dem hilft nicht so sehr ausgefeilte Mnemotechnik, als vielmehr eine verstärkte bewußte Wahrnehmung der Umgebung, aber vor allem des eigenen Tuns. Dazu ist manchmal ein etwas langsameres Agieren notwendig als gewohnt, und das ist nicht nur gut fürs Bewußtsein und das Gedächtnis, sondern schont auch die Nerven und entlastet die Knochen.

Donnerstag, 3. November 2011

Der Wille zur Verzweiflung


Zu jedem Sein-Wollen gehört Optimismus, auch dem Willen zur Verzweiflung ist die optimistische Vorstellung immanent, er könne irgendwas nützen.

Tirade 167 – Nicht alles

Alles ist gesagt
sagte sie und schwieg vor sich hin
warf grüne Blicke

die Augen lärmten heftig
zu laut um zu verstehen

Mittwoch, 2. November 2011

Sauber denken

In einem Beitrag über den Islam war die Rede vom westlichen "Denkmuster eines sich unaufhaltsam weiterentwickelnden Fortschritts". Bei solchen Formulierungen, die es leider manchmal geradezu regnet, frage ich mich wieder und wieder, warum derjenige, der solch unreflektiertes Wortmaterial in Texte streut, derartig offensichtliche semantische Unsinnigkeiten nicht bemerkt.

Es ist doch nicht der Fortschritt, der sich in diesem "Denkmuster" weiterentwickelt, sondern vielmehr entwickeln sich das Denken selbst, die Beziehungen und die Verhältnisse allgemein, und wenn die Veränderungen bejaht und als positiv betrachtet werden, dann nennt man dies Fortschritt. Fortschritt selbst ist nur (be-)wertendes Attribut einer Bewegung auf etwas hin – der Begriff "Fortschritt" ist eine nahezu beliebig zu füllende Prädikathülle.

Dienstag, 1. November 2011

Ruhelohn

Leistung muß sich lohnen.
Ein ehemaliger Minister streitet
vor Gericht
für Politrentner-Mindestlohn
so um die achtzig
Euro die Stunde für
Ausruhen auf dem Sofa
bei Vierzig-Stunden-Woche
wenn das keine
lohnende Leistung ist.

Mach ich für weniger.

Tirade 166 – Globaler Hühnerhof

Sieben Milliarden
kratzen laut in Krumen rum
düngen und ernten

suchen nach Gold mit Gebrumm
scharren wie Hühner im Mist

Sonntag, 30. Oktober 2011

Spielend reich werden

Unsoziale Marktwirtschaft ist ein einfaches Spiel, bei dem alle dem Geld nachjagen, wie beim Fußball dem Ball, und das länger dauert als ein Fußballspiel, mindestens bis zur nächsten Inflation. Und am Ende gewinnen immer die Banken.

Samstag, 29. Oktober 2011

Der verhinderte Zeitumsteller

Drehen an der Zeit
ganz nach eignem Belieben
würde er gerne

doch er muß sich begnügen
kleines Spielchen mit der Uhr

Rechnen

Man nimmt 40 Milliarden mehr Steuern ein als erwartet oder vielmehr errechnet, war unlängst zu hören. Gestern wurde bekannt, daß einige Hypo-Real-Estate-Banker sich mal eben um 55 Milliarden Euro verrechnet haben. Vielleicht sollte in den Schulen statt der Beschäftigung mit Differenzialrechnung und analytischer Geometrie lieber wieder größerer Wert auf die Grundrechenarten gelegt werden. Auch scheint mir bei den übelerregend hohen Summen, mit denen in der letzten Zeit jongliert wird, ein wenig die Anschaulichkeit zu leiden. Deshalb schlage ich vor, in Finanzverwaltungen und Banken wieder zum Abakus zurückzukehren. Zur Einführung empfehle ich einen Schnellkurs im Kaukasus.

Freitag, 28. Oktober 2011

Hoffnung 2105


Ehrlich gesagt, liegen meine eigenen Hoffnungen, wie auch die von Wolfgang Schäuble, etwas näher als die des "Spiegels". Für das Jahr 2105 erhoffe ich mir nur wenig, deutlicher gesprochen: nichts. So wie auch alle anderen Zeitgenossen mit funktionierendem Verstandesapparat und ohne Zahlendrehmaschine.
 
2105
 
SPIEGEL ONLINE

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Werbeschach

Ein verkehrt stehendes Schachspiel, über das sich zwei Spieler mit großem Ernst beugen und auf dem sie gleichzeitig ziehen. Und eine Fotografin, die ebensowenig Ahnung vom Schachspielen hat wie die Verlagsmitarbeiter, die den Buchumschlag zu verantworten haben. Glanzleistung.

Mich wundert dieser Fauxpas nicht, denn daß Fotografen bei Werbeaufnahmen tricksen, ist nichts Neues, da wird für Brauerei Blaß gern mal das Bier von der Konkurrenz eingekauft, weil es farblich überzeugender wirkt, oder mit Farbe aus der Tube nachgeholfen. Seien wir also froh, daß die Fotografin kein Halma-Spiel herbeigeholt hat, weil es bunter ist. Reklame ist verlogen. Bisweilen fällt es auf, weil manche "es nicht können".


 SPIEGEL ONLINE

Mancher trägt es mit Humor

Er kam vom Arzt, und man sah ihm an, daß es ihm nicht gutging. Als er mir aber dann von der schweren Krankheit erzählte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck und seine Augen begannen, wenn nicht zu leuchten, so doch aufzuklaren, und die ersten Sonnenstrahlen zwinkerten durch die wolkige Verdüsterung. Er machte gar Scherze und in seiner aufgeregten Beredsamkeit launige Bemerkungen: Da sind wir schon wieder bei den Krankheiten, sagte er ernst und lachte. Später stellte sich heraus, daß er von der plötzlichen Krankheit eines nahen Bekannten berichtet hatte.

Wir tragen unsere Last mit einer gewissen Erleichterung, wenn es um uns herum nicht allzu beschwingt zugeht.

Montag, 24. Oktober 2011

Das Ende am Anfang (des Wortes)

Es gab Zeiten, da war DIE ZEIT eine durchweg gute Wochenzeitung. Das ist schon eine Weile her. Heute liest man Artikel wie den von David Hugendick über den Einfluß apokalyptischer Stimmungen auf den Präfixgebrauch. Lange nichts Lächerlicheres mehr gelesen. Man hört förmlich Pferdegeräusche im Hintergrund, aber es sind nicht die Pferde der Apokalyptischen Reiter, die da zornig schnauben, sondern die Kolleginnen in der Redaktionsstube, die amüsiert vor sich hin wiehern.
DIE ZEIT

Der Goldsucher

Nachdem er den
Goldklumpen weit von sich
fortgeworfen hatte
streckte er sich, jauchzte
lobte erleichtert den Tag
und begann zu schürfen.
Wie leicht das ging:
die Taschen wieder leer

Verwirrung der Sinne

Deine Augen berühren
mich nicht.
Was sehen deine Hände?
Nicht mich.
Deine Zunge schmeckt
nicht ein Wort
von mir.
Deine Ohren
sind stumm und du hörst
nicht
wie meine Haut
für dich erschauernd
vibriert.
Welchen Sinn hat die
Seele?

Rattern und Plappern

Manche Menschen sinnen, und man sieht, wenn man phantasiebegabte Augen hat, wie es hinter der Stirn dieser Stillen rattert, wenn sie etwas zu verstehen versuchen oder ihr Gedächtnis durchstöbern. Andere ersetzen das Rattern durch Plappern. Das sind die, die das Sinnen zu vermeiden trachten. Manchmal geht das bis zur Besinnungslosigkeit – der Zuhörer.  

Freitag, 14. Oktober 2011

Nichts Neues

Eine psychopathologische Verirrung einiger Menschen, die sich im Laufe der Entwicklung des technischen Instrumentariums zur Massenkrankheit weiterentwickelt hat: immerzu was Neues haben zu wollen. Zu Höhlenzeiten war eine solche Grundhaltung nicht die schlechteste, denn sie führte heraus aus der kalten Enge, aber heute, in Zeiten starken Bevölkerungswachstums und extremer Ressourcenverschwendung, bringt ungebremste Novitätengier als weitverbreitete Handlungsorientierung die Menschheit langfristig wahrscheinlich eher wieder zurück zu subterranen Lebensformen, als daß sie etwas Wegweisendes hervorzaubert.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Mehrlagige Gedanken

Wenn ich unsere Gesellschaft durch die geschichtsphilosophische Brille betrachte und nach Niedergangsindikatoren spähe, so frage ich mich, an Montesquieus Dekadenztheorie denkend, auf einer anderen Brille sitzend und im Nahbereich fündig werdend, ab wieviellagigem Toilettenpapier diese Zivilisation als untergangsgeweiht zu betrachten ist und ob sie hier und dort Ähnlichkeiten mit der spätrömischen Verfallskultur aufweist. 

Montag, 10. Oktober 2011

Zeitfraß

Der neue Ausweis
beweist die Daten im alten
waren kein Irrtum
der Zeitfraß ist amtlich
die Pyramidenplanung sollte
bald beginnen
aber wie bekommt man
den Nil in den Garten?

Freitag, 5. August 2011

Tirade 164 – Schein in Scheinen

Sie produzieren
Schein, Krawattenprodukte
Banken und Börsen

zum Einpacken greifen sie
zu buntbedruckten Scheinen

Mittwoch, 27. Juli 2011

Verplempern

Mit dem Leben ist es wie mit dem Geld. Die einzige Art, tatsächlich etwas davon zu haben, ist es, dieses in Umlauf, in Bewegung zu bringen. Manche nennen das "verplempern". Das ist eine naive Denkweise. Denn was wäre die Alternative? Der eine verplempert sein Leben mit Musikmachen, der andere mit dem Plattsitzen des Hinterns in einem Büro, und wieder ein anderer wechselt ständig die Reifen, anstatt zu fahren.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Tirade 163 – Die Rose verstehn

Mit Messern erklärt
und mit Scheren begriffen
die Rose verstehn

taxonomisches Rufen
wie das Tuten von Schiffen

Wichtige Frage

Manchmal gibt es wichtige Fragen zu klären, zum Beispiel die, ob Rilke in seiner Hölderlin-Elegie das Wort Seeen mit drei "e" geschrieben hat oder nur mit zwei. Tatsächlich mit drei, und das leuchtet mir ein. 
        
...
Verweilung, auch am Vertrautesten nicht,
ist uns gegeben; aus den erfüllten
Bildern stürzt der Geist zu plötzlich zu füllenden; Seeen
sind erst im Ewigen. Hier ist Fallen
das Tüchtigste. Aus dem gekonnten Gefühl
überfallen hinab ins geahndete, weiter.
...
Auf Erden gibt es Seen – "Seeen sind erst im Ewigen."

Selbstentwertung

Ich dachte, er sei Sprachwissenschaftler. Als er dann jedoch begann, mit dem Oszillieren herumzufuchteln, bis es überhandnahm und zum Blablaen verkam, wurde ich hellhörig, und spätestens dann, als er bei jedem zweiten Rechts- oder Linksabbiegen von Paradigmenwechsel fabulierte oder gar von paradigmatischer Wende, da wußte ich: Wieder nur ein professoraler Jargoneur, oszillierend zwischen Paradigmen und von dem je einen auf das je andre rekurrierend syllogierend. Das kann man mal machen – aber doch nicht ständig.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Seine Rede sei fließend

Über Kunst zu reden ist nicht überflüssig, aber ein Zeichen von Mangel im Überfluß.

Tirade 162 – Rest

Bleibt meistens ein Rest
im Lichten wie im Dunklen
im Wort in Zeilen

Buchstabe überflüssig
Blut ins Blutende geschickt

Menschen ernten

Wenn Pflanzen könnten
würden sie Menschen pflanzen
würden sie stutzen

auch mal vasenrein putzen
im Herbst würden sie tanzen

Lesen als heimliche Räuberei

Wenn wir einen Schriftsteller beim Lesen beobachten, dann wissen wir nicht, in welchem Grade er das, was er lesend ausdeutet, später schreibend ausbeutet. Ausbeuten wird. Oder ob seine Leseintention die eines Abhörspezialisten oder eines Grabräubers ist. Wenn sie auf dem Weg zu sich selbst sind, sollten Schriftsteller mehr schreibend denken als lesend schreiben.

Tirade 161 – Leibhaftig

Nicht abzuschütteln
von der Hand das Klebeband
wie das Leben vom Leben

so beginnen Karrieren
Selbstentleibers Leibgefühl

In den Nachtwind gefragt

Mein Herz schlägelt groß
dein Herz zügelt klein
was hat mich bewogen
dir gewogen zu sein?

Dienstag, 19. Juli 2011

Tirade 160 – Ick weeß nich

Was wissen wir schon
daß manche Strahlen wärmen
und was sich so dreht

was aber ist das: Wärme?
wie wird Bewegung bewegt?

Tirade 159 – Banalität

Zum Beispiel Suppe
wenig Salz zuviel Gewürz
die Zunge verbrannt

mit trockenem Brot gekühlt
aufgewärmt schmeckt sie besser

Bewegung

Das Problematische an der Wiederholung ist nicht die durch sie erzeugte Langeweile, sondern vielmehr und viel mehr der Umstand, daß durch ein zweites, drittes, viertes Mal das mögliche erste Mal verhindert wird. Jede Wiederholung ist eine Abtreibung von Neuem, Unbekanntem. Niemand kann gleichzeitig sitzen und gehen. Wer glaubt, man könne heute, im Zeitalter der Hypermobilität, beides simultan erledigen, dem sei gesagt: Alles Fahren ist nur bewegtes Sitzen oder Stehen. Auch Liegen – natürlich.

Was aber ist nun schlimmer – ein Mangel an Bewegung, wiederholende Unbeweglichkeit, oder rastlose Wiederholung endlos flexibilisierter Mobilität?

Also: Hin und wieder eine Weile die Luft anhalten, damit man spürt, daß das Atmen nie langweilig werden kann.

Montag, 18. Juli 2011

Verurteilenswert

Ich sage nur
was ich denke
sagte er
ich urteile nicht

ein wertendes Urteil
über die Form
seines Redens

und den Inhalt seiner
Gedanken

Verachtung

Verachtung spricht man nicht aus
die Stimme würde brechen
Verachtung zeigt man

und wird man gefragt danach
wechselt man seine Zunge.

Verschobener Blick

Im Innern der Druck
ist doch der eigene Dampf
willst nur nicht spüren

kein Bedrücker da draußen
nichts als der wartende Wind.

Wege

Siehst du die Wege
des Windes über dem Meer
folge ihnen nach

den schimmernd blauen Fährten
hinein ins strudelnde Licht

Sonne, Mond und Sterne

Wenn der Tau nicht friert
regnet es wilde Rosen
im Mondschein Sonne.

Die Sterne versammeln sich
und halten über uns Wacht.

Treue

Treue zeigt sich nicht in Unterwürfigkeit, sondern ihr Wesen ist Beharrlichkeit. Charakterhygiene ist mindestens ebenso wichtig wie Körperpflege.

Auf meinem Weg

Wie Pflastersteine
die grauen Regentropfen
morgens und abends

lesen in meinem Gesicht
geben nicht mehr auf mich acht

Auch du

Blick durch die Lichter
die deine Augen blenden
in deine Seele

und schau auf dein Gefieder.
Auch du ein roter Vogel

Immer wieder zu lesen

Gib acht beim Lieben
liebe DICH so wie du bist
wie einen andren.

Liebe dich so wie du bist
und DEN ANDREN wie dich selbst.

Einsamkeit

In roten Nächten
ist es in der Wüste kalt
und es schneit weiße Sterne.

Du wirst zu einer Sandgestalt
verlierst dich in der Ferne.

Drei Wörter zuviel

Drei Wörter zuviel
der überflüssige Ton
aus rauhen Lippen

wieder der falsche Gesang:
und drei Wörter zuwenig

Abendmelodie

Die Luft trinkt meine
leisen Worte
der Wind trägt sie zu dir.

Wenn du ein Fenster öffnest
kannst du sie fühlen.

Geheim

Am Strand
der ewigen Nächte
deine Gestalt:
Silhouette der Finsternis.
Vereinzelt ein Augenzwinkern
und heimliches Winken.
Ein warmes Wolkenrauschen
und Fledermausflügel
im Leuchtturmlicht

Liebe und Schmerz

Wenn wir lernen, uns selbst nicht zu verlassen, können wir nicht verlassen werden, aber wenn wir uns selbst nicht verlassen, können wir niemals bei einem anderen ankommen. Das ist die Schwierigkeit der wirklichen Liebe, und ich fürchte, eine unlösbare. Wir können nur versuchen, den Schmerz als Teil des Wunderbaren zu akzeptieren.

Nachtröte

Seh deine Augen
im Wirbel weißer Wolken
vertrautes Gesicht

leise kreisend im Mondlicht
wissend lächelnde Wangen

Wie die Sonne

Wie die Sonne sei
geben ohne zu wollen
keine Beschämung

nur Freude am Erstrahlen
nicht Dunkelheit zu blenden.

Für wissende Nasen

Verströmst kein Parfüm
wenn früh die Augen aufgehn.
Aus Achseln und Mund

welker Nachtschattengeruch.
Aschiger Duft deiner Seele

Glut in der Asche

So fern bist du nicht
Bist in mir wie warmes Blut
doch ohne Gesicht.

Und manchmal bin ich in dir
ein Stern im dunklen Verzicht.

kosmos

ich
hölle
du
WIR
himmel
welt
nichts

sein


allein

Treibsand

Wie Sand
treiben die Bilder
in den Gedanken
wenn ich
die Augen schließe
wie Mohn auf den Feldern
im Wind
Hand in Hand
in römischen Straßen
auf sonnigen Plätzen
am Meer
im andren Land.

Das sehen die Augen
wenn ich
sie schließe.

Und wenn ich
sie öffne
kein Bild
an der Wand.

Nacht ohne dich

Im Innern die Leere
wie kalter Rauch
Erinnerungsmeere
und Steine im Bauch.

Die Schrift auf den Wellen
zerfließt, wenn du schreibst
die Nacht zu erhellen.
Kein Ort, wo du bleibst.

Im Blut die Dämonen
frostrote Träume
Gedanken Millionen
und klirrende Räume.

Vielleicht morgen

Und wieder taste ich
nach deinen leeren
Händen wie der Wind
nach den Wolken
wie die Luft nach
dem Tag

Am Wegrand

Tagwerk getan
gehe wieder zu dir
in mir
als wärest du hier.
Ohne Groll
gedankensiebende
Gnade

Kunstpause

Kein Rahmen im Bild
Schweben in leeren Räumen
Kein Bild im Rahmen.

Und abgebrochne Pinsel
in frühverkalkten Farben.

Zur Geologie der Gefühle

Das Glück und der Schmerz
sprudeln aus Zwillingsquellen
im inneren Berg.

Wenn du die eine verschließt
versandet auch die andre.

Paradoxie 000

Das Leben wird häufig besonders dadurch schwer, daß wir es zu leicht nehmen.

Zeitrose

Wenn die Zeitrose ihre Stiefel auszieht, verdorren ihre Dornen.

Tag M

Es gibt die Tage
da die Welt sich häutet
das Herz erschauert
Blut springt, wildes Kreisen
und Narben platzen
still wie bunte Blasen.

Verharschte Dämme
brechen unter schweren
Blicken, grauen Worten.
Die schorfen Tränen blühen
blau wie Winterkälte.
Und alles stolpert
gegen wunde Rippen.

Wie Flammenwände
rasen die Gedanken.
Die Zeit erlischt.
Zu allem Unglück
sterben Schmetterlinge
in den fernen Bergen.

Keine Sicht

Blick in die Weite
klarer Himmel und kein Stern
Gefilterte Nacht

hinter den Augenlidern
graue Ohnmachtsbewölkung

Abseits

Die Sterne
reden wieder
flüstern leise.
Und manchmal zittern
sie im Wind.
Sie murmeln was daher
von großer Reise
und schauen zu
wie uns die
Zeit verrinnt.

Wie gesagt

In den Urnen
wirft die Asche
keine Schatten.
Ich reiche dir
die staubige Hand
zu spenden
den Trost
der ewigen
Unzeiten.
Wie den warmen
Regen im August
und die doppelte
Februarsonne:
ein Versprechen.

Es träumt mich

Die Wolken flattern
wie schmutzige Gardinen
im Mondschein der Mond

Hinter den Fenstern der Schlaf.
Es träumt mich schlafloser Traum

Über deinen Schatten

In den Sonnen der Liebe
wird es so schnell dir zu warm
Wirfst deinen Schatten

der dich bald kühlend umgibt.
Doch zurück mußt du springen.

So einfach

Die Hummeln brummen
kann alles so einfach sein
die Blüten blühen

und wir versinken im Tag
und wir versenken die Nacht.

Zweisamkeit

In meine Welt geschneit
wie Hieroglyphen
und manchmal läßt du
Blicke zu in Tiefen
in Schattenträume
änigmatisch weit.
Und auch in
Wünschewiesen.

Komm, laß uns unsre
Farben zeigen
und weiße Stille
und das schwarze
Schweigen.

Widersprüche

Wenn du nicht da bist
ist alles so leer und voll
und voller Leere

Manchmal vergeß ich dich fast
in der Fülle des Tages

Vom Suchen

Quelle im Garten
aber auf Wassersuche
mit teurem Gerät.

Ich sollte den Kopf schütteln.
Doch was würde das nützen.

Dasselbe

Ungeformter Schrei
lautloses Bänderschwingen
wie Schulterzucken

die ahnungslose Sprache
unverstandener Sehnsucht

Mal hinhören

Es gibt im Gespräch nichts Lauteres als wortloses Trotzgebrüll. Als wären die Stimmbänder aus der Verankerung gerissen. Und zucken noch im scheinbaren Schweigen. Erst wenn sie nicht mehr schwingen, beginnt das sprachlose Gespräch. Und ermöglicht die Gnade des Verstehens. Beinahe unverständlich. Das wahre Wort ohne Gestalt. Der Sinn der Rede ist verstehendes Schweigen.

Götterlachen

Wenn die Titanen
gegeneinander kämpfen
gibt es keinen Sieg.

Auf ewig nur Blut und das
Lachen der falschen Götter

Erkennen

Willst du erkannt werden
zeig deine wahre Gestalt
die Nacktheit im Frost.

Wenn du nicht frieren willst
dann kannst du dich verhüllen.

Wenn du dich verstecken willst
mußt du mit Masken spielen.

Namenloses Leid

Im Mondschein
übergab mir
der Nachtprinz
eine Kiste mit Wörtern.
Ich kenne ihre Namen
und schweige.

Sinn

Das Haus liegt still
Kein Hahn mehr, der schreit
Nur blutleeres Piepen
tägliche Totgeburt.

In den Zimmern blinzeln
die alten hölzernen Leichen
im Jugendstillicht.

Alle Spiegel sind blind.
Sie zeigen dich nicht.

Alle Spiegel sind stumm.
So zeigt er sich nicht.

Sinn oder Sein

Manch ein glutloser Tag
ohne Sonnenaugen
sinnleeres Nichts
im solarischen Sprühn
kein Lichtgefühl
am Rande der Welt
wo wolkenumwühlt
rotes Gestein lautlos
ins Dunkel stürzt
kein Tropfen Blut
nicht mal Zischen
nur Möwenschnäbel
Totentanz.

Im Dunst der
Rettungsring und
dein Gesicht mein Gesicht.

Nächtens
werde ich
manchmal noch morsen
Anna Anna
oder so ähnlich
nicht mehr vergebens.
Palindrom in der
Finsternis.

Schlagendes Herz
wird jetzt verstehn.

Oktober 2005

Dienstag, 28. Juni 2011

Eine gesunde Jugend in einem gesunden Land

Solange nicht geflucht wird und keine ungewöhnlichen Dekolletés Jugendliche gefährden, geht in den USA ziemlich viel. Wenn in Computerspielen das Blut ein wenig spritzt und Leute schon mal in ihre eigenen Därme eingewickelt werden, so ist das halb so wild und soll den Jugendschutz nicht interessieren – selbst sanfte Pornographie hingegen und unflätige Ausdrücke, das ist natürlich nichts für Jugendliche, und selbstverständlich sollten anständige Erwachsene solche abseitigen Geschmacklosigkeiten meiden und, wenn sie schon keine Heiligenbildchen sammeln, sich lieber Knarren an die Wände hängen als Abbildungen von Schweinereien.

Killerspiel-Gesetz

Donnerstag, 19. Mai 2011

Gesinne

Am meisten vermisse ich den Sinn beim Reden über den Sinn. Welch haltloses Geplappere ist das doch meistens, wenn Menschen vom Sinn sprechen, gar vom Sinn des Lebens. Man könnte dies Gerede als unsinnig bezeichnen, würde man nicht durch solche Wortwahl die Möglichkeit dessen einräumen, was im allgemeinen als Sinn bezeichnet wird. Tatsächlich könnte auch der Unsinn der wahre Sinn sein. Ja, "wahrer Sinn" – die bizarre Exotik der Sprache auf ihrem Höhepunkt. Ich bin mehr für sprachliche Erotik, etwa: das Rätsel des Seins oder die kryptischen Gestalten des Seienden.

Falscher Takt

Den Taktstock schwingend
in fremden Takten springend
hüpfelt er durchs Tal

Taktvoll im äußeren Takt
innerlich ungetaktet

Faule Südländer

Es ist ja nicht die Mär das eigentlich Schlimme, daß Griechen, Portugiesen und Spanier kurz nach der Berufsausbildung in Rente gingen, wie jetzt wieder behauptet wird von der beleibten Dame mit den farblich wechselnden, aber stilistisch immergleichen geschmacklosen Kostumjäckchen, bei denen man Angst um die Verankerung der Knöpfe haben muß, auch der Mythos, Südländer hätten kürzere Arbeitszeiten und aalten sich länger im Urlaub, ist nichts weiter als Neid aufs angenehmere Klima, gemütlicheres Ambiente und lockerere Lebensformen.

Diese ganze wirklichkeitsfremde Lügenlitanei ist nicht sonderlich schlimm, schlimm ist, daß das Bildungswesen und die politische Information in unserem Land derart heruntergekommen sind, daß so viele den Unsinn von den faulen Südländern und den fleißigen Deutschen glauben.

Merke, Merkel, die Finanzprobleme in einigen Ländern der EG haben wenig mit faulen Menschen zu tun, sondern viel mehr mit faulen politischen Verhältnissen, Korruption und verfaulenden Oberschichten, gierigen Banken und dem Kalkül von Spekulanten.
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Montag, 16. Mai 2011

Wahre Wahrheit

"Die Wahrheit muss erlaubt sein." Das klingt ganz toll; die Frage ist nur: wessen Wahrheit? Das Schlimme ist: Ein jeder glaubt, seine Interpretation der politischen – und jeder anderen – Wirklichkeit sei wahr, und die des Widersprechenden entspreche nicht der "Wahrheit". Solange jemand glaubt, die "Wahrheit" in seinem Besitz zu haben, läuft etwas falsch, ganz egal ob am rechten Wegrand oder am linken. Es gibt Fakten, über die man diskutieren kann, und zwar kontrovers oder nichtkontrovers – "Wahrheit" aber gibt es nur in den Träumen von Vereinfachern.

Jakob Augstein

Mittwoch, 11. Mai 2011

Tugend als Last und Laster

Bisweilen sieht man, daß ein allzu heftiges Streben nach Tugend, wenn es zur Gewohnheit, zum inneren Zwang wird, sich für den Betroffenen nicht nur zur Last wandeln kann, sondern einem Außenstehenden auch den Eindruck vermittelt, er habe es mit etwas zu tun, das dem Charakter eines Lasters nicht unähnlich zu sein scheine.

Manche freilich

Unter der Hofmannsthalschen Überschrift "Manche freilich müssen drunten sterben" schrieb Walter Boehlich, ein Kritiker in des Wortes eigentlicher Bedeutung, wie er es gern und so manches Mal selbst nicht ganz frei von Fehlern tat, von den "sinnentstellenden Fehlern" anderer (1972 in der ZEIT). So sei in der Anthologie "Lesebuch" das Wort "Kriegslastern" in Hesses "O Freunde nicht diese Töne" fälschlich mit "Kriegslasten" wiedergegeben worden. Hesse hatte in dem NZZ-Aufsatz unter dem Beethoven-Zitat von "Kriegstugenden und Kriegslasten" geschrieben. Wer nun, wie Boehlich, dichotomisch denkt und Tugend und Laster als zwei Seiten einer Medaille betrachtet, der könnte vermuten, Hesse selbst habe ursprünglich "Laster" geschrieben und nicht "Lasten". Hat er aber nicht, jedenfalls wenn man der Werkausgabe folgt. Boehlich hätte das nachprüfen und eine möglicherweise ironische Wortwahl Hesses in Betracht ziehen müssen, bevor er von "sinnentstellenden Fehlern" sprach. Aber manchen freilich werden wohl auch die kritischen Tugenden bisweilen zur Last.

Deutsche Sprache

Im allgemeinen interessieren sich die Deutschen recht ordentlich für Sprache, von der Sprache der Technik über die Sprache des Sports bis zu den Sprachen der Länder, die man zum Zweck der Hautfärbung aufsucht. Die Beschäftigung mit der eigenen Sprache jedoch überläßt der Durchschnittsdeutsche weitgehend den Redakteuren beim Duden, die Grimms kennt man nur als Märchenerzähler und den Paul als Papst. Ob das der Sprache guttut, weiß ich nicht so recht.

Freitag, 6. Mai 2011

Großzügigkeit mal anders

Manche Menschen kratzen für sich selbst hemmungslos den Belag von allen Brötchen, die ihnen in die Finger kommen, und halten sich zudem für vorbildlich großzügig, wenn sie den andern mit großer Verzichtsgeste die geplünderten Reste überlassen, statt sie in den Müll zu werfen.

Kampfspiel

Der Dialog zwischen Frage und Antwort ist weniger ein Spiel, sondern vielmehr ein Kampf, ein Kampfspiel.

Freitag, 29. April 2011

Würmerfangen

Der frühe Vogel fängt nichts, denn es ist noch keiner da.

Donnerstag, 28. April 2011

Egoismus

Das Schlimmste am Egoismus ist nicht die Rücksichtslosigkeit beim Ellbogengebrauch, sondern das phantasiearme Bewußtsein des Egoisten, die andern hätten eine ähnliche Einstellung wie er selbst (oder sie seien gar schlimmer) und würden diese nur besser verbergen. So gesehen, wird die eigene Egohampelei zu einer Art Schutzmechanismus. Wie so oft, spielt der Täter nichts lieber als Opferlamm.

Freitag, 15. April 2011

Raubtierkapitalismus

Die Google-Aktie ist auf Talfahrt gegangen. Warum sollte uns das zu denken geben? Der Gewinn ist soeben um fast zwanzig Prozent gestiegen, im letzten Quartal gab es 1600 Millionen Euro zu verteilen. Aber die verwöhnten fetten Hündchen, denen das Fressen in den Näpfen aufgetürmt wird, jaulen auf und kläffen im Depot herum, weil ihnen der Futtersegen nicht reicht. Weshalb? Sie haben gehört, daß die Zulieferer, die für den Freßnapfnachschub zuständig sind, für ihre Tätigkeit zuletzt ein klein wenig mehr von dem Fleischberg abbekommen haben und auch ein paar neue dazugekommen sind, die natürlich nicht hungrig zur Arbeit kommen sollen, sondern gern.

Jetzt sind unsere verhätschelten Tierchen sauer und bereit, alle wegzudrängen, die sich an "ihrem" Futter vergreifen wollen. Nun sind diese Köter keine wirklichen Raubtiere, sondern nur domestizierte Sofalöwen, aber sie haben doch Zähne, und wenn sie die auch meistens nur blecken, wenn es um ärmere Artgenossen geht, so ist durchaus zu erwarten, daß so mancher Arglose verletzt wird, wenn er den Futternäpfen der Börsenhunde zu nahe kommt, denn die können, wenn die Gier sie mal wieder blind macht, ganz schön um sich beißen. Das Ganze nennt man Raubtierkapitalismus.

Handelsblatt

Mittwoch, 13. April 2011

Die Geburt des Humors

Aller Humor beginnt, wenn sich der Spaß einen seriöseren Namen verdienen will, damit, daß man sich morgens im Spiegel erblickt. Wer dabei ernst bleibt, der wird nur mit Mühe zu echtem Humor gelangen und sich meistenteils mit Blödelei über andere begnügen müssen.

Dienstag, 12. April 2011

Hyperbolische Litotik

Einer gelungenen Hyperbel merkt man die Übertreibung nicht an, vielmehr nährt sie den Verdacht, es handle sich um eine litotische Aussage, etwa wenn man von einem Kurzdenker sagt, er halte sich für beinahe so intelligent wie Albert Einstein oder so schlau wie Helmut Kohl.

Der Mann in der Natur

Wann ist der Mann ein Mann? Wenn er die Männlichkeit anderer in Frage stellt und glaubt, durch Kernseife und Büschel unter den Armen würde einer kernig, dann ist er von Maskulinität weit entfernt, und wenn er sich fragt, was Frauen männlich finden, und sich deren Männlichkeitsbildern anzunähern trachtet, dann ist der Mann kein Mann mehr. Auch zuviel Marlboro-Reklame, die immer noch im Kopf rumspukt, kann schädlich sein.

Die Natur ist weiblich und fühlt, daß sie will, aber sie weiß nicht so recht, was sie will. Deshalb probiert sie so vieles aus. Der Mann ist dabei nichts besonders Erwähnenswertes. Was die Arterhaltung betrifft, so ist die Natur durchaus bereit, die eine oder andere Art, die sich aus ihrer Sicht nicht bewährt hat, aufzugeben.

DIE ZEIT

Montag, 11. April 2011

Neues vom Guttenberg

Wie der Presse zu entnehmen ist, behauptet Doktor-no-Guttenberg (von) nach wie vor, er hätte die beweglichen Lettern erfunden, wenn nicht gar die Schrift, und sich dabei höchstens aus Versehen auf frühere Erfindungen anderer gestützt. Die Veröffentlichung anderslautender Erkenntnisse selbsternannter universitärer Experten aus dem banalen Bürgertum lehne er strikt ab und werde sie durch seine gleichadeligen Anwälte untersagen lassen.

Lola im Kartoffelsack

Die Verleihung des deutschen Filmpreises Lola ist nicht, wie die Oscarverleihung, eine der wichtigsten Modenschauen des Jahres. Wer letzten Freitag die Vorführung der vielen auf unterschiedliche Weise am Hals befestigten Leibchen gesehen hat, der konnte einen Eindruck davon bekommen, wie ansteckend schlechter Geschmack zu sein scheint. Ich frage mich nur: Gab es vorher telefonische Geheimabsprachen zwischen den Beteiligten oder gar einen verbindlichen Dresscode?

"Ich muss unbedingt noch ein Kleid finden, das ich beim 'Deutschen Filmpreis' tragen werde", sagte Demet Gül, eine der Teilnehmerinnen beim Wettbewerb um die Aufgabe Wem gelingt die originellste Umsetzung des Themas 'Kartoffelsack als Kleidungsstück', der Interviewerin des "Münchner Wochenanzeigers". Wer die Verleihung der Lolas miterlebt hat, der weiß: Demet Gül hat, wie die meisten ihrer Kolleginnen, ihr Kleid gefunden – vermutlich in den Gelben Seiten im Bereich Sarghandel und Beerdigungsbedarf. Beinahe alle Frauen an diesem Abend sahen aus, als hätten sie ihr Outfit von der Beisetzung Bernd Eichingers der Wiederverwertung zugeführt. Die Moderatorin natürlich ausgenommen, die so schillerig übertrieb, wie sie auch überproportioniert palavernd monologisierte.

Der einzige, der auffällig gut und dennoch wie selbstverständlich gekleidet die Bühne betrat, war Wim Wenders, der es verstand, auf diese Weise erfolgreich von seinem Sechziger-Jahre-Kassenbrillengestell und der beinahe obszön-pompösen Frisur abzulenken.

Er hat zu Recht einen Preis bekommen.

Donnerstag, 7. April 2011

Mut und Übermut

Der Übermütige hält kontrollierte Courage für mangelnden Mut, der Besonnene betrachtet Übermut als Flucht vor der eigenen Feigheit.


Wieder mal das gelbe Buch

Zugegeben, ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen Fehler im Duden finde, nur leider vergesse ich meistens, mir das zu merken. Damit es mir diesmal nicht wieder durch die Lappen geht: Beim Wort "reagieren" erlaubt der Duden, im Gegensatz zu früheren Ausgaben und etwa auch zum neuesten Wahrig-Wörterbuch nur noch die Trennung re-agieren. Die nach wie vor korrekte Silbentrennung rea-gieren gilt jetzt denen, die sich nach dem Duden richten – und das sind leider viel zu viele –, als falsch.

Wer allerdings im Duden die Wörter Reagenzglas oder Reagens nachschlägt, wird sich verwundert die Augen reiben, denn dort bleibt der Trennstrich hinter dem "a" erlaubt: "Rea-gens", "Rea-genzglas" – was natürlich richtig ist. Nur: Kann beim "Reagieren" falsch sein, was beim "Reagenzglas" richtig ist, oder war man beim Duden mal wieder mit den Gedanken woanders, etwa hoch auf dem gelben Empfehlungswagen?

Mittwoch, 6. April 2011

Urteilsvermögen

Marissa Mayer (Google): "Its not what you know, it's what you can find out." (Es kommt nicht darauf an, was man weiß, sondern was man herausfinden kann.)

Man kann verstehn, daß die Vizepräsidentin von Google so bedacht-unbedacht daherredet, denn was sie sagt, ist natürlich ganz in Googles Sinn. Aber ist es auch zutreffend?

Früher, vor Googles Zeiten, als man noch mit Zetteln und Karteikarten hantierte, sagte derjenige, dem das Auswendiglernen und die Beschäftigung mit primitiver Mnemotechnologie zu mühsam und zu fade waren: Es kommt nicht so sehr darauf an, was man an Wissen anhäuft, wichtig ist vielmehr zu wissen, wo man suchen muß.

Damals war wichtig, daß man etwas wußte: nämlich wie und wo man suchen sollte. Das ist heute nicht anders, der Fokus des Wissens hat sich nur noch gravierender verschoben vom Faktischen zum Methodologischen. Manche halten diese Akzentverschiebung für eine bahnbrechende Neuerung, gar einen paradigmatischen Wendepunkt. Ich nicht, denn am Wesentlichen bei der Betrachtung von Fakten, Gedanken und Schlußfolgerungen hat sich nichts geändert. Wir benötigen zur Beurteilung all dessen das, was wir schon immer dazu brauchten und was von jeher viel rarer gesät ist als die üppig ins Kraut schießende Vielfalt der Informationen und Informationsverarbeitungstechnologien: Urteilskraft. Aber woher nehmen, wenn nicht plagiieren? Leider überall dort, wo vorhanden, nicht knackbar kopiergeschützt. Was also tun? Dazu müssen wir ein wenig nachdenken. Ob es nützt?

Das Ticken der Bomben

Der Optimist sagt: Es ist fünf vor zwölf. Der Pessimist ist eher der Meinung, es sei schon fünf nach. Ist es nicht in Wirklichkeit so, daß die meisten Bomben zu allen Zeiten ticken und keiner weiß, wann und wo welche Bombe losgeht?

Montag, 4. April 2011

Wie mich das Internet veränderte

Seit ich das Internet kenne
über den Daumen zwanzig Jahre
lese ich
davor las ich
heute sehe ich Bilder
früher schaute ich Bilder an
ich reihe jetzt Wörter
zuvor reihte ich Buchstaben
heute lerne ich durch Wikipedia und so
einstmals informierte ich mich bei Brockhaus und Co.
jetzt kommuniziere ich
früher pflegte ich Kommunikation

Heute denke ich
gestern dachte ich

Es ist jetzt also
alles ganz viel besser
als früher

Und genauso
anders schlechter.

Donnerstag, 24. März 2011

Luftfahrt und Emanzipation

Wie man hört, wünschen sich viele Frauen Frauenplätze im Flugzeug, weil gerade in der Enge des Fliegers die Anwesenheit von Männern doch sehr belastend ist, selbst belastender als eine Sitznachbarin, die locker hundert Kilo auf die Waage bringt und den Nasen in ihrer Umgebung eine heimlich-unheimliche Vorliebe für mediterrane Knoblauchküche zur Kenntnis gibt.

Deshalb wurde jetzt vorgeschlagen, die Holzklasse in Bruch- und Edelholz zu unterteilen und das Edelholz vorn im Flugzeug zu placieren und die Männer hinten, falls genügend Plätze vorhanden sind. Ansonsten kann auf die Frachträume ausgewichen werden, wo es zwischen den Käfigen für die anderen Haustiere häufig noch freie Stauräume gibt.

Bei der Konstruktion neuer Flugzeuge sollten strengere Distinktionskriterien zugrunde gelegt werden, so daß männliche Flugpassagiere zukünftig im Gang zwischen den Sitzen und im näheren Umkreis der Toiletten untergebracht werden können.

Montag, 21. März 2011

Zwischen zwischen

Stehend auf dem Stuhl
sage ich zwischen
zwischen den Wänden
gerieben geboren
zwischen Geburt und
Wiedergeburt
klingt doch besser
als Tod wenn auch
Klaustrophobie
im Geburtskanal
nicht die Stille
der schwarzen Steine
wo die Uhren nicht ticken
nur die leise Reibe
der Erosion
Sekundenjahrgeräusche
das Knabbern
kosmischer Mäuse
und es rauscht nur
das Nichts
nicht das
Blut

Mittwoch, 16. März 2011

Ich sah

Sah heute morgen
jemand blitzenden Auges
ein Grab ausheben
die Wangen
begeisterungsdurchblutet
was gräbst du da?
fragte ich entsetzt:
Ich baue ein Haus
sagte er
dies wird die
Grube fürs
Fundament

Dienstag, 15. März 2011

Gemeinsam

Wäre das nicht Glück
wenn wir uns immer liebten
Gefieder gesträubt

gegen den Wahnwitz der Welt
als wären wir entkommen ...

Mittwoch, 2. März 2011

Unzufriedenheit

Im Radio sagte einer: "Gott sei Dank gibt es genug Veranstalter von Liederabenden, aber es sind viel zu wenige." Wer genau hinhört, der erkennt, warum das Feuer, an dem wir alle sitzen, uns nicht so recht wärmt. Man muß nicht dumm sein, um zu frieren, es reicht bereits der Mangel an Klugheit.

Einstweilen gute Fahrt

Ein gewisser Herr v. u. z. G., ehemals Lichtgestalt, hat soeben, höre ich gerade, bei Charon seinen Obulus bezahlt, und ab geht's über den politischen Acheron. Wer aber glaubt, damit sei er ein für allemal weg, der tragisch naive oder, ganz wie man will, übermäßig freche Texttäuscher, der irrt sich. Die einen haben dem Stolpervogel die Daidalos-Flügel gestutzt, die andern polieren schon die Stummel. Zu gegebener Zeit, wenn die Schamspielfrist vorbei ist, wird der hochmütige Demutsdarsteller aus dem Erebos wieder ins Licht flattern, und Kerberos wird nur dumm gucken, denn der kann bekanntlich nicht flattern noch fliegen.

DIE ZEIT

Dienstag, 1. März 2011

Scheitern

Das Scheitern ist erst dann vollkommen, wenn man auch auch mit der Einsicht scheitert, gescheitert zu sein. 

Montag, 28. Februar 2011

Auf der Suche

Die meisten Menschen sind auf der Suche nach etwas, was sie längst haben, aber die wenigsten bemerken ihre Blindheit rechtzeitig, denn es kommt nicht selten vor, daß man bei dieserart Suchen das Gesuchte ganz nebenbei verliert. Mit etwas Glück findet man es jedoch eines Tages wieder – wenn man längst nach etwas anderem sucht. Nicht immer aber erkennt man das Gefundene als das früher Gesuchte wieder, noch weniger identifiziert man es als einstmals Besessenes, denn man ist zu sehr hingerissen vom Gesuchten des Augenblicks.

Freitag, 25. Februar 2011

Vom Wert der Werte

Was die Werte unserer Gesellschaft, von denen sonntags in großer Rede schwadroniert wird, tatsächlich wert sind, wird im Zusammenhang mit dem neuen Film der Regisseurin Merkel Der Plagiator geradezu bedrückend deutlich: nichts. Viele haben jedoch schon länger geahnt: Koch, Kohl, Guttenberg – in diesem Land ist eine neue politische Leitkultur entstanden, die sich ganz offen nicht mehr um tradierte Tugenden schert. Der Wertkörper der politischen Richtung, die das Etikett konservativ um den Hals hängen hat, ist für jeden sichtbar ausgehöhlt, so daß der traditionelle Konservatismus, der auch vorher größtenteils ohnehin nur schöner Schein war, nun vollends erledigt ist. Die Aschewolke allerdings wird uns noch lange beschäftigen.

Dienstag, 22. Februar 2011

Auf den Punkt

Wer allzu viele Schwerpunkte hat, der wird nicht selten für zu leicht befunden, wenn er – was ihm infolge der Fülle schwerfällt – etwas auf den Punkt zu bringen versucht.

Freitag, 18. Februar 2011

Erdmann – Szenische Monodialoge 9*


ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.


Na ja wie Ken
sehe ich nicht gerade aus
aber was soll's 
ich bin keine Kunstfigur
und kein Doktor Laude
trotzdem in summa 
zufrieden in meiner Haut
auch wenn's manchmal
etwas spannt


in der Haut von dem 
Dr. (ruhend) Theodor Plagiatus möchte ich 
nicht stecken
dem wird jetzt nicht nur auf die
Finger geguckt sondern richtig
unter die Nägel
das tut weh


was soll der machen
das Ding ist gedruckt
sein Name steht drunter
meins meins
und jetzt wird es
auseinandergenommen
soll er jetzt sagen
was wahrscheinlich stimmte:
Das ist alles fair bezahlt
verzapft hat's ein andrer
geht nicht wäre noch schlimmer
denn der Name
steht drunter
ja der falsche Name ...


In seiner Haut möcht ich nicht
stecken 


Und wenn dann hätte ich
wenigstens zum Schluß
Korrektur gelesen
und die Fehler
minimiert


Genützt hätte das
aber auch nichts
weil es nicht
die eigenen 
gewesen wären


Und der akademische Prüfer
steckt mit im Dilemma
ganz tief drin


wenigstens ist der bereits
emeritiert


dafür ist der forsche Theo
jedoch noch
ein wenig zu jung
und noch
kein Professor


Dumm am Laufen
das Ganze


Verläßt das Bad, hört ein Summen


Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?


Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.


* Bitte anklicken für Kommentar.

Mittwoch, 16. Februar 2011

"Verfassung und Verfassungsvertrag"

Ganz unabhängig vom Plagiatsvorwurf scheint mir bei der Dissertation des Herrn Guttenberg auch sprachlich mehr Kupfer denn Gold verwendet worden zu sein. Zwei Seiten habe ich gesehen, das Vorwort: 

"... dem von Konrad Hesse geprägtem Vorbild ..." (Vorwort, S. 6). Dem geprägtem Vorbild. Na ja, in dem schwierigem Grammatikkosmos mit seinem niedrigem Räumen kann man sich leicht dem Kopf stoßen. 

"Nicht nur die spezielle Bezeichnung des mit der Ausarbeitung des Entwurf eines Vertrags über eine Verfassung für Europa befassten Gremiums ..." (S. 16) Wie unelegant, so überaus viele Genitive in einem Satz, und dann fehlt auch noch das Genitiv-s. Ganz schlechter Stil: Das Schreiben des mit dem Schreiben eines Schreiben(s) über das Schreiben befaßten Schreibers ... 

Und so was wird summacumlaudet statt ausgemustert. Der Wissenschaftsbetrieb ist mir manchmal rätselhaft.
 

Doktortitel

Wer im Urlaub am Strand die πολιτεία im Original liest, der braucht keinen Doktortitel, um sich wohl zu fühlen.

Guttenberg
Empfehlung: Radiergummi

Krieg

Der Krieg ist der Hymnus des Lebens an den Tod. Immer wieder gern gesungen. Noch lieber: singen gelassen.

Gewachsen sein

Wir sind uns selbst nicht gewachsen – vor allem intellektuell.

Form und Plastizität

Als Ideal: Jeden Satz schreiben, als müsse er für die Ewigkeit stehen.

Negativer Nebeneffekt solcherart gußeiserner Artikulation ist das statisch Abgekühlte, die Verharschung des Geschriebenen. Hier wird vorgeführt: die Geburt der Dogmatik aus dem Geiste des Idealismus, denn wer möchte schon an der Ewigkeit kratzen, gar an der eigenen. Dem Eitlen ein Greuel. Aber nichts außer der Ewigkeit ist ewig (und auch die nur vielleicht), das sollte klar sein, und wir tun gut daran, unsere kleinen Wörterwürmer nicht zu überschätzen. Sie haben, so kein Feuer ins Spiel kommt, bestenfalls die Halbwertszeit von Plastiktüten.

Bemühen um plastischen Ausdruck sollte dennoch selbstverständlich sein, und gerade das Wissen um die formwiderstrebende Plastizität alles Geschaffenen und damit die Endlichkeit aller Form sollte uns besonders anspornen.
 
Plastizität ist kein Ergebnis, kein Endprodukt, sondern für mich grundsätzlich die Kraft, die in der Natur wirkend die Evolution antreibt, was wir Menschen durch Mimesis zu ergänzen oder gar zu ersetzen trachten. Dabei sollten wir uns des Prozeßcharakters des Ganzen bewußt sein, was uns davon abhalten kann, unsere Kraft an Denkmälern (und der „Satz für die Ewigkeit“ ist eine Art Denkmal) für was auch immer zu verschwenden. Wenn der Bau von Denkmälern überhandnimmt, beginnt das Leben zu veröden.
 
In der Natur trägt die zur Form geronnene Plastizität den Keim ihrer Auflösung in sich und die Fähigkeit zur Formwandlung. Das sollten wir nicht durch die Erfindung immer neuer Betonsorten zu konterkarieren trachten.
 
Warum nicht die Form ebenso bejahen wie ihre Fähigkeit, sich zu wandeln oder aufzulösen? Ich sehe da keinen künstlich erzeugten Widerspruch, allenfalls eine grundlegende Paradoxie allen Seins.
 
Man kann sich natürlich auch hinlegen und warten, bis es vorbei ist.

Dienstag, 15. Februar 2011

Anbiederungsseuche

Wollte man großzügig und milde sein, dann käme man zu dem Schluß, die Worte des großen Thomas Bernhard seien so bezwingend, daß sie die Sprache eines jeden okkupierten, der sich beschreibend seinem Werk nähert. Doch wenn man, ganz im bernhardschen Sinne, weniger naiv und rücksichtsvoll ist, dann fällt auf, es ist wie eine Seuche: So ziemlich jeder, der über Bernhard schreibt, beginnt nach kurzer Zeit, sich mit einer dezenten Imitation des repetetiven Duktus anzubiedern, den wir von dem verhinderten Nebenerwerbslandwirt aus Oberösterreich kennen. Und überall kullern die "naturgemäß" aus den Sprachschablonen, daß es nur so kracht. Und selbst dort, wo es augenzwinkernd geschieht, bleibt ein fader Geschmack nach kumpelhaftem Getue und eitler Selbsterhöhung. Gräßlich.

Bescheidene Illumination

Atem der Katakomben
von innen kommt das Leuchten
aus fernen Tiefen

der Tage müdes Grauen
Augen tränen Morgenlicht

Ontologische Ironie

Das Paradoxe am Leben ist, daß es im Menschen die Voraussetzung schafft, den Gedanken an eine Freiheit des Seins zu entwickeln, die dem Leben nicht innewohnt, ja, die es beständig durch ironische Kommentare des eigenen Körpers und die Lebensäußerungen der anderen ins Lächerliche zieht.

Epikurs Mahnung

Zählt Geld
lauft in Reihen
wer Trommler mag
nur zu
laßt die
Steine erbeben
wie im
siebentorigen Theben.
Das Ende ist Schrift
auf dem Sarkophag.

Im Blitzlicht beim
letzten Sekundenschlag
da werdet ihr
schaudernd verschweben
so narrt euch
der Tod mit
dem Leben.
Am Abend blinkt
in den Spiegeln
der Tag.

Und die ihre Sinne
mit Hämmern betäubt
die gaffen nun
stumpf in die
Leere der Nacht
mit zitternder Hand
und die Haare
gesträubt.

Und wehe
dem Wesen
das jetzt
erst erwacht
zu spät
sein Beginnen
die Hülle zerstäubt
sein Weg führt
zurück in die
ewige Schlacht.

Duchamps langer Atem

Muß man nicht die Frage stellen, ob das Werkzeug der versuchten Destruktion in der Kunst denselben Charakter haben kann wie etwas, was Objekt dieser Destruktion ist, und ob das Destruktionsmittel nicht seinerseits Objekt von Destruktion sein kann, ja sein sollte? Andererseits ist es dann aber auch so, daß der Vorgang der Destruktion durch die Reibung der Objekte gleichsam Kunstcharakter entwickelt. Und so fort. Permanente Ästhetisierung der Destruktion des ästhetischen Scheins. Und ganz nebenbei eine Verschmelzung dieses Scheins mit massenpsychologischen Aspekten. Destrukunst.

Welt online

Phistologie

Faust und MeFistopheles. Ist es nun nur ein ungewöhnlicher Zufall oder ein weiteres Indiz für die ohnehin naheliegendeThese, daß die Figur des Mephistopheles in Goethes Dichtung im wesentlichen ein Teil der multiplen Persönlichkeit Fausts ist – meine Tochter erwähnte bei einem Gespräch über Goethes Figuren beiläufig, Faust heiße im Englischen "fist". Das war mir zwar bekannt, jedoch bisher hatte ich das im Zusammenhang mit dem "Faust" nicht beachtet. Was bei Hesse Narziß und Goldmund, zwei Aspekte einer Persönlichkeit, sind bei Goethe Faust und Mephistopheles; bei Hesse namensverschieden, aber bei Goethe ist die Nähe auch in den Namen präsent. Man sollte die Herkunft des Doktor Faustus klären: Vielleicht hatte der geheimnisumwitterte Schwabe Johann Georg Faust englische Vorfahren mit Namen Phist. In jedem Falle ist der Tofel überall dabei.