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Dienstag, 30. Dezember 2008

Luftpost aus Israel

Nachdem Hamas-Aktivisten Israel in einer Art Kassam-Luftflaschenpost in allgemeinverständlicher Sprache über längere Zeit höflich um eine neue Diskussionsrunde zu beiderseitig interessierenden Fragen gebeten hatten, hat Israel nun kurzfristig eine Informationsveranstaltung zum Existenzrecht des jüdischen Staates abgehalten, wenngleich nicht, wie von der Hamas erhofft, auf arabisch, sondern ebenfalls in einer Sprache, die von jedem zu verstehen ist. Man mag das unhöflich finden, aber verständlich ist es allemal.

Ungerecht behandelt und unterdrückt

Viele Konflikte entstehen dadurch, daß jene, die glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, aber nicht die Macht haben, andere zu unterdrücken und die eigene Wahrheit anderen gewaltsam aufzuzwingen, dazu neigen, sich selbst als ungerecht Behandelte und Unterdrückte zu betrachten. Was in gewisser Weise sogar zutreffend ist, wenn man es als Unterdrückung betrachtet, jemanden daran zu hindern, seinen totalitären Neigungen entsprechend zu leben. …

Kreise

Je größer unsere Kreise sind, um so eher erliegen wir der Illusion der linearen Bewegung.

Zeigefinger

Sloterdijk in der Zeit: "Der Daumen hat den übrigen Fingern den Rang abgelaufen, er ist der große Gewinner dieses Jahrzehnts." Ich hatte dazu bereits bemerkt, daß der Daumen eher Verlierer ist – wegen der zu erwartenden Zunahme der Daumensattelgelenksarthrosen infolge exzessiven Mausgebrauchs. Im übrigen stelle ich fest, daß die Zeigefinger allüberall immer länger werden.

Nicht geahnt

Ein Verbrecherregime gebiert sich nicht selbst. Am Anfang eines jeden verbrecherischen Regimes in der Geschichte standen Gläubige, enthusiasmierte Idealisten, die später einmal sagen werden: Das haben wir nicht geahnt. Und wir haben nichts gewußt.

Moralische Urteile

Gegen moralische Urteile, die auf Nachdenken beruhen, habe ich nichts, soweit sie schlüssig aus den Ergebnissen des Nachdenkens hervorgehen. Nachdenken, das auf moralischen Urteilen beruht, sie zu ihrem Ausgangspunkt macht, halte ich jedoch für entbehrlich. Es sei denn, das Nachdenken geschieht mit der Absicht, ebendiese moralischen Urteile auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

Bevor ich begründe, warum etwas von Übel ist, gebietet es die intellektuelle Aufrichtigkeit, zu prüfen, ob dies tatsächlich zutrifft und nicht nur meinen Neigungen und vorgefaßten, wenig reflektierten Überzeugungen widerspricht.

Wert der Werte

Bereits die Frage, ob ich Wert auf ein Wertsystem lege, ist keine intellektuelle, sondern eine moralische. Umso mehr wird die Auswahl eines Wertsystems primär von ethischer Motivation geleitet und nicht so sehr von rationalen Überlegungen. Der Wert von Werten aber versteht sich nicht von selbst, sondern muß rationaler Prüfung ebenso standhalten wie der Wert der Wertung als Haltung. Welchen Wert hat es zu werten? Hat die Frage nach einem Wert überhaupt einen Sinn?

Vom Wert der Religionen

Michael Novak, Katholik und amerikanischer Religionswissenschaftler und Gesellschaftstheoretiker aus Pennsylvania, sagt zur religiösen Motivation amerikanischer Soldaten: "In den am stärksten religiös geprägten Teilen Amerikas gibt es einen stärkeren Willen, zum Militär zu gehen, und auch eine größere Bereitschaft, die gefährlichsten Aufträge zu übernehmen. Die Frage ist, warum ist das so? Einige Leute glauben – ich gehöre auch zu ihnen –, daß religiöse Menschen schnell erkennen, daß es etwas gibt, für das es sich lohnt zu sterben. Es gibt etwas Wertvolleres als das Leben. Und sie sind bereit, ihr Leben zu opfern, falls es notwendig ist."

Mir stellt sich eher die Frage, woran man erkennen kann, was wichtiger ist als das Leben. Und wie man herausfindet, ob einem vielleicht nicht nur etwas eingeredet wird von Leuten, die ganz andere Interessen haben als man selbst.

Herzliche Weihnachtsgrüße aus dem Ausbildungslager für Selbstmordattentäter.

Intellektuelle und Philosophen

Während der Intellektuelle scheinbar verschämt abwinkt, wenn man ihn als Philosophen bezeichnet, und seine Gesichtsfarbe wegen der durchblutungsfördernden Schmeichelei von vornehmer Blässe in einen sanften Rotton wechselt, wird der Philosoph wütend und knallrot, wenn man ihn als Intellektuellen enternstet. Das ist der Unterschied.

Immer nie

Manche sind immer nie besonders klug. Daran wird sich nie was ändern. Das war schon immer so.

Fußnoten

Am klarsten denkt es sich ohne Fußnoten. Sie behindern das eigene Denken wie Stiefel das Laufen auf einer Wiese.

Narrenkappen

Narrenkappen gibt es in vielen Farben. Und wenn die Kappe nicht ganz dicht ist, muß man dichten.

Geld und Macht

Wer viel Geld hat, neigt dazu, dieses zu benutzen, um zu noch mehr Geld zu kommen. Oder er versucht, mit diesem Geld zu Macht zu gelangen, um seine gesellschaftspolitischen oder anderen Idealvorstellungen in die Wirklichkeit umzusetzen. Wer viel Macht hat, neigt dazu, diese Macht zu mißbrachen, um an (noch mehr) Geld oder noch mehr Macht an sich zu reißen. Wem's gefällt.

Nutznieser

Ein Nutznieser ist jemand, der seine Erkältung dazu benutzt, gegen jene, die er nicht leiden kann, einen individuellen bakteriologischen Krieg zu führen mit dem Ziel, die anderen zu infizieren. Nutznießer des Nutzniesers sind der Arzt und der Apotheker.

Urteile

Wenn die eigene Meinung auf Urteilsvermögen basiert, ist sie ein Urteil. Aber keine Verurteilung. Verurteilungen findet man besonders bei jenen, denen es an Urteilsvermögen mangelt. Die setzen sich gern ein schwarzes Käppchen auf, ziehen die Robe an und sprechen Unrecht.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Tirade 134 – Fortschreiten

Und immer voran
gehen in großen Zellen
spurlos im Beton.

Auch die Zeiger der Uhren
zerpflügen nicht ihren Weg

Das Bild im Spiegel

Menschen sind sehr unterschiedlich, aber wenn wir uns in ihnen spiegeln, kommen sie uns vertraut vor.

Hinfallen

Wer hinfällt, ist nicht immer nur ungeschickt, sondern oft unbewußt beseelt von dem Wunsch, jemand möge ihm aufhelfen.

Bankraub

Angesichts der staatlichen Unterstützungen des Bankensektors ist zu überlegen, ob der Begriff "Bankraub" neu definiert werden muß.

Montag, 15. Dezember 2008

Tirade 133 – Seelenmimese

Schwarze Gespenster
bunt im Tagesgefieder
Farben der Sonne

Die Nächte lichten das Licht
Nachts sind Seelenflügel grau

Ironische Selbstbeobachtung

Wenn die Konditionalsätze über andere in Form indikativischer Realgefüge sich häufen, dann wird es Zeit, wieder Gedichte zu schreiben, bevor der Realis der anderen in den eigenen conjunctivus irrealis abgleitet.

Ehrabschneidung

Wenn einer anfängt von seiner Ehre zu reden und deren Verletzungen, dann weiß ich: Das nimmt kein gutes Ende. Erst mal aber blamiert sich der Ehrleidende selbst durch sein Gerede viel mehr, als es ihm irgendeiner mit ehrabschmirgelndem Zeitungspapier antun könnte.

Mit ein wenig Souveränität kann man Ehrverletzungen positiv umdeuten. Wer jemand was von der Ehre abschneidet, hilft ihm, Gravitätsballast abzuwerfen. Solche Verschlankung ist in jedem Falle der Persönlichkeitsentwicklung zuträglich und erleichtert das Auftreten.

Maskulistische Linguistik

Vertreterinnen einer feministischen Linguistik beklagen sehr gerne, wie ungerecht es bisweilen in der Sprache zugeht, als könne und solle die Sprache so etwas wie ein Gerichtshof für Gleichberechtigung sein. Häufig seien weibliche Formen unterrepräsentiert und fristeten ein armseliges Leben im Schatten männlicher Dominanz. Daß es auch anders geht, sieht man zum Beispiel in der Technik. So wird nicht etwa der Vater in die Mutter geschraubt beziehungsweise die Mutter auf den Vater – oder die Vaterschraube oder der Schraubenvater in die Schraubenmutter oder Mutterschraube –, sondern ganz pragmatisch eingeschlechtlich nur die Schraube in die Mutter, die Mutter auf die Schraube (oder die Mutterschraube). Technik als weibliche Domäne. Schon in Pierers Universallexikon von 1862 findet man neben der Schraube die "Schraubenmutter" und die "Mutterschraube". Den Schraubenvater oder die Vaterschraube sucht man unter dem Stichwort Schraube bei Pierer und in späteren Lexika vergebens.

Wir sagen zwar Schraubenmutter, aber nicht Schraubenvater. Tatsächlich findet sich der Begriff Vaterschraube in Krünitz' Enzyklopädie ein Jahrhundert vor Pierer. Die Feminisierung des technischen Befestigungs- und Verbindungselementes Schraube liegt also zwischen der Mitte des achtzehnten und der des neunzehnten Jahrhunderts.

Den Männern bleibt angesichts dieser offensichtlichen Benachteiligung, die völlig unverständlich ist, wenn man bedenkt, wie der Begriff analogisch entstanden ist, nichts als eine Art technischer Penisneid und betroffenes Staunen über die kuriose Realitätsfremdheit mancher sprachlichen Formen.

Vielleicht erklärt sich aus dem männlichen Neidgefühl die Erfindung des Kompositums Schreckschraube. Auch das eindeutig ein dominium femininum.
Wir sagen zwar Schraubenmutter, aber nicht Schraubenvater. Tatsächlich findet sich der Begriff Vaterschraube in Krünitz' Enzyklopädie ein Jahrhundert vor Pierer. Die Feminisierung des technischen Befestigungs- und Verbindungselementes Schraube liegt also zwischen der Mitte des achtzehnten und der des neunzehnten Jahrhunderts.

Den Männern bleibt angesichts dieser offensichtlichen Benachteiligung, die völlig unverständlich ist, wenn man bedenkt, wie der Begriff analogisch entstanden ist, nichts als eine Art technischer Penisneid und betroffenes Staunen über die kuriose Realitätsfremdheit mancher sprachlichen Formen.

Vielleicht erklärt sich aus dem männlichen Neidgefühl die Erfindung des Kompositums Schreckschraube. Auch das eindeutig ein dominium femininum.

Höflichkeit

Übertriebene Höflichkeit ist die sublimierte Aggression eines Menschen, der Angst davor hat, als Heuchler entlarvt zu werden.

Dem Wort "Höflichkeit" haftet auch heute noch seine Herkunft aus dem intriganten höfischen Getue an, das durch Schleimerei und Schmeichelorgien geprägt war. Daß das alles keine Erfindung des frühneuzeitlichen höfischen Lebens ist, sondern in milderer Form bereits in der Antike zu finden, erkennt man, wenn man etwa den Blick auf römische Patronatsbeziehungen richtet.

Kinderpornographie

Wie bigott die Mediengesellschaft ist, kann man jetzt wieder an den Diskussionen um ein Plattencover von den Scorpions aus den siebziger Jahren erahnen, auf dem ein nacktes minderjähriges Mädchen hinter einer gesprungenen Glasscheibe zu sehen ist. Nicht besonders gelungen, das Cover, sicher, und bestimmt fragwürdig.

Nun, nach über 30 Jahren, haben eifrige Wächter es entdeckt und versuchen, daraus einen "Pornographieskandal" zu machen, wie es allenthalben nachgeplappert wird. Das ist nicht nur absurd, sondern führt in der Konsequenz dazu, daß einerseits demnächst Verrückte mit Leinentüchern in die Museen laufen, um alles abzudecken, was sie für pornographische Darstellungen halten, während andererseits die Verfolgung tatsächlicher Straftäter erschwert wird, weil mancher geneigt ist, die Problematik als hochgebauscht zu betrachten. Ist es nicht so, daß die Feuerwehr nicht mehr so gern kommt und länger nachfragt, wenn sie allzu oft zum Einsatz gerufen wurde, nur weil jemand an einer Straßenecke ein Blatt Papier angezündet hat?

Wer alles, was er in die Finger bekommen kann, in einen Begriff hineinstopft (in diesem Fall Pornographie), nimmt ihm seine Schärfe und relativiert ihn damit. Das ist das eigentlich Problematische an diesem Vorgang, denn nichts lenkt so sicher von tatsächlichen Pornographieskandalen ab wie künstlich generierte Scheinskandale.

Daß inzwischen so ziemlich jeder, der die Scorpions-Platte bisher ebensowenig kannte wie das Cover, die Abbildung gesehen hat, ist ein weiterer merk- und denkwürdiger Nebeneffekt: Etwas soll möglicherweise indiziert werden, aber vorher wird es allen breit unter die Nase gerieben.

Ich muß doch mal schauen, ob ich noch ein Strandfoto von mir aus Kinderzeiten finde – als Umschlagabbildung oder Frontispiz für meinen nächsten Gedichtband.

Welt online

Maulproleten und Zerebralprominenz

Eine auffällige Kulturverflachung unserer Zeit ist die Verschmelzung bisher von vielen als disparat betrachteter Bereiche: Während Maulproleten wie Bohlen auf der Buchmesse Pressekonferenzen abhalten, sorgen Vertreter der Zerebralprominenz wie Sloterdijk durch ihre Äußerungen in Interviews dafür, daß sich die Grenzen zwischen der sprachlichen Darstellung von Gedanken und belanglosem Großsprechgelaber immer mehr verwischen. Das Maulproletentum wird auf diese Weise zerebral geweihwässert.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Zirkus Zwanzigari

Wenn ein Fußballhansel sich so wichtig nimmt, daß er glaubt, er besitze die Konnotationshoheit im Sprachstrafraum, nur weil er mal Richter war, und könne den anderen seine persönlichen Assoziationen als semantische Weisheit unterjubeln, dann macht er sich zum Clown in der Wortmanege. Es darf gelacht werden über das Demagögchen. Demagogen sind aus anderm Holz geschnitzt.

Geschlossene Gesellschaft

Wenn wir uns allzusehr mit unseren Meinungen identifizieren, laufen wir Gefahr, sie für Wissen zu halten. Dieses Scheinwissen lähmt uns und nimmt dem Prozeß der Meinungsbildung alle Dynamik. Wir prüfen nur noch, ob unsere Erlebnisse und Wahrnehmungen unser Wissen bestätigen, und nicht mehr, ob unser Wissen mit den neuen Erfahrungen übereinstimmt. Im ungünstigsten Fall wissen wir über das Bescheid, was geschieht, ohne unsere äußere Wahrnehmung ins Bewußtsein zu heben, ja wir können es nicht, weil uns unser Bewußtsein signalisiert, Neuaufnahmen seien nicht nötig, da alles, was an die Tür klopft, bereits bekannt und bewertet sei. Keineswegs wegen Überfüllung geschlossen, sondern geschlossene Gesellschaft.

Schein und Sein

Die einen scheinen mehr zu scheinen, als zu sein, die andern mehr zu sein, als zu scheinen. So scheint das Sein wie das Scheinen im Schein. Alles Sein, alles Schein.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Tirade 132 – Alter ego

Das lyrische Ich
wie verwurzelte Träume
im Herzen der Stich

wie das Summen der Bäume
im blinden Spiegel der Strich

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit.

Montag, 1. Dezember 2008

Narrative Gedichtinterpretation

Narrative Interpretationsstrategien wie die meine, angewendet auf Alfred Wolfensteins Gedicht "Städter" aus dem Jahr 1914, sind zwangsläufig hochspekulativ und literaturwissenschaftlich in beträchtlichem Maße fragwürdig. Und dennoch sind sie vielleicht näher am Text und wahrhaftiger als so manche akademische Trottelei, die sich in Silbenzählerei und metrischer Scheinanalyse ergeht, vollgestopft mit tropischen Reziprokprojektionen, die nichts sichtbar machen als die scheinbare Gelehrsamkeit des Interpreten und dessen Verinnerlichung der gültigen literarhistorischen Epochenschablonen.

Tirade 131 – Skulpturen

Steine erlauschen
den Atem der Gezeiten
lautloses Klingen

die schwingende Semantik
der gefrorenen Schreie

Donnerstag, 27. November 2008

Mutmaßungen über Alfred und ein Gedicht

Vom Belle-Alliance-Platz fuhr Alfred mit der Groschenbahn, vorbei an der Kürassierkaserne, an der verwaisten Markthalle, wo Arbeiter den letzten Schmutz des Tages zusammenkehrten. Auf der anderen Seite thronte gravitätisch das Kammergericht, und er dachte kurz an sein staubtrockenes Jus-Studium. Dann aber durchfuhr ihn wieder der bohrende Liebesschmerz. Diesmal hatte ihn Konrad brüsk zurückgewiesen, so als wäre Alfreds zaghaft tastende Hand eine lepröse Klaue. Und dann hatte Konrad ihm einen Vortrag gehalten über wahre Freundschaft, die nur mit wahren Freunden gelebt werden könne und nicht mit Fehlgeleiteten wie Alfred, und Alfred war geflüchtet, als wären tausend Teufel hinter ihm her. Ja, weggelaufen war er, geflohen vor ... Ja, vor was? Sich der Einsicht zu verschließen, daß Männer seine Sinne mehr affizierten als alle noch so attraktive Weiblichkeit, ja ihn erotisch echauffierten, hatte er längst aufgegeben, und Konrad, das hatte Alfred gespürt, es gesehen, gerochen, mit allen Sinnen aufgesaugt, Konrad ging es ebenso wie ihm selbst. Aber Konrad hatte gelacht und gewütet, getobt und hämisch gegrinst und ... Konrad war noch nicht so weit, er wollte sich noch ein Weilchen selbst betrügen. Wie so viele.

Alfred sackte in sich zusammen und blickte auf die endlosen Fensterreihen, die an ihm vorbeizogen, dieses graue Gewürge, dieses blutleere Steinfeuerwerk, das alles Leben garottengleich langsam, ganz langsam strangulierte, erstickte und schlußendlich fossilierte. Nichts würde bleiben als Sedimente vergeblicher Träume.

Die Tram hielt und spuckte alle aus. Nur Alfred blieb sitzen, leidend und voller Zorn und und innerlich geschüttelt von einem gnomigen Mischwesen aus Selbsthaß und Larmoyanz. Im letzten Moment, die Straßenbahn hatte bereits angeruckt, kamen sie hereingeflogen und schwebten wie schwarze Engel auf die Sitze, die beiden, deren Blicke sich ineinanderbohrten wie Schrauben in Holzbretter. Sie verzehrten einander mit einer Glut, die Alfred frösteln machte. Der junge Mann, die junge Frau, sie sprachen nicht, sie nahmen nichts um sich herum wahr, sie kopulierten geradezu mit orgiastisch geröteten Augen. Und Alfred wurde klein und alt und grau wie das Straßenpflaster. Und alles war so dicht, so dicht an seiner Kehle und er so fern, so fern von allem, was lebte und glühte.

Als er nach Jahren, wie ihm schien, endlich sein Zimmer betrat, brach Übelkeit sich Bahn, und er erleichterte sich in den Nachttopf. Er weinte, schluchzte, sprach stakkatoartig mit sich selbst und erlebte das Echo seiner Verzweiflung wie den Widerhall von Rufen in einer Tropfsteinhöhle. Erst nach langen Kämpfen mit Decken und Laken schlief er erschöpft ein.

In der Nacht weckten ihn Geräusche. Ein Kind schrie, er hörte flüsternde Stimmen, die sich zu polterndem Geschrei aufbliesen und dann wieder beruhigten, bevor sie ebenso schnell verstummten wie zuvor das Kind. Alfred machte Licht, setzte sich an den Tisch und schrieb:

Städter

Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, ihre nahen Blicke baden
Ineinander, ohne Scheu befragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Unser Flüstern, Denken .. wird Gegröhle ..

– Und wie still in dick verschloßner Höhle
Ganz unangerührt und ungeschaut
Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

Montag, 24. November 2008

Der gelehrte Lapsus

So wie Ironie nicht selten nur Ausdruck mangelnden Mutes ist, zu sagen, was man denkt, so ist manches kunstvolle Oxymoron oft nichts weiter als stilistische Veredelung krauser Gedanken: ein kognitiver Lapsus im prächtigen literarischen Gewand. Hölzernes Eisen wird häufig von Holzköpfen produziert.

Mittwoch, 24. September 2008

Montag, 22. September 2008

Kafkas New York

Beim Lesen der Handschriftfassung von Kafkas "Der Verschollene", gemeinhin bekannt als "Amerika", ganz erstaunlich die unterschiedlichen Schreibweisen von New York: New York, Newyork, New-York. Natürlich gibt es viele derartige Ungereimtheiten bei Kafka, die sicher nicht überbewertet werden sollten, aber in diesem Falle scheint es mir so, als ob Kafka der Stadt damit den Charakter des Unverbindlichen, Ungreifbaren, Unfertigen verleihen wollte. Aber wer weiß, vielleicht ist es auch einfach nur Schlamperei.

Samstag, 20. September 2008

Gott und der Teufel

Gott und der Teufel hätten sich vielleicht besser nicht beide in einen so engen Raum im Innern des Menschen verkriechen sollen. Wenn sie sich eine andere Wirkungsstätte gesucht hätten als den Menschen – am besten weit entfernt voneinander –, gäbe es weniger Zänkerei zwischen den beiden Kontrahenten, und auch wir könnten uns ungestört den Sonnenaufgängen widmen. Und den Untergängen.

Scheinheilig

Wenn etwas heiliger erscheint als der Schein der Heiligkeit, dann ist es scheinheilig. Der Schein heiligt die Scheinheiligkeit. Aber nur zum Schein.

Getragene Würde

Allem Würdevollen haftet etwas zutiefst Würdelos-Lächerliches an, und niemand vermag eine Krone würdevoller zu tragen als der Unwürdige.

Tabus

Gebrochene Tabus sind wie gebrochene Knochen: Meistens wachsen die Teile wieder zusammen, und es gibt jede Menge Mediziner, die versuchen, alles wieder so zu richten, wie es mal war. Und was krumm ist und was gerade, das bestimmt der jeweilige Geschmack.

Fanatiker

Weit entfernt davon, selbstgerecht zu sein, ist ein Fanatiker ein gerechtigkeitsliebender Menschenfreund, einer, der glaubt, andere wären noch dümmer als er selbst, und es sei wünschenswert und mit aller Macht durchzusetzen, daß die andern auf seinen edlen Stand gehoben werden. Dead or alive.

Hans Dampf

Ein Universaldilettant, der gerne ein Schmalspurgenie wäre, bei dem es aber nicht mal zum Fachidioten reicht.

Verstehen

Heißt nicht wirkliches Verstehen, eine Ahnung davon zu bekommen, daß wir von den meisten Dingen keine Ahnung haben? Nichtverstehen ist demnach nur völlige Abwesenheit von Ahnung. Es ist zwar frustrierend und eine Kränkung für unser Ego, aber wir sollten uns eingestehen, daß die wichtigsten Dinge für uns undurchschaubar sind.

Persephone

Über den "Sinn" von Sinn

Über Sinn oder Unsinn von etwas können wir nur dann etwas sagen, wenn wir ein System zugrunde legen, in dem beides definiert ist. Alle solche Systeme stehen jedoch wackelig in den Zeitläuften und sind aus konventionellem Material zusammengeschustert und in hohem Maße subjektiv und abhängig von der Perspektive des jeweiligen Gedankenschusters. Die Wörter "Sinn" und "Unsinn" sind wie ihr Inhalt eine Erfindung des Menschen und haben keine tiefere Bedeutung als ein Holzpflock, den man auf einer Wiese in die Erde treibt.

Wenn wir uns fragen, ob das Wort Sinn Sinn hat, ähneln wir einer Katze, die sich in den Schwanz beißt. Deshalb fragen wir nicht danach, sondern setzen es stillschweigend voraus. So auch die Katze: Wenn sie das Jagen nach ihrem Schwanz nicht sinnvoll fände, schliefe sie lieber.

Unbeständigkeit

Das einzig Beständige an der Unbeständigkeit ist deren Folge: der Mißerfolg.

Auf dem Wasser wandeln

Man sollte sich nicht allzusehr beeindrucken lassen von Leuten, die auf dem Wasser wandeln. Ihre Aktionen sehen spektakulär aus, aber hinter ihnen steckt nicht viel mehr als Wasserscheu und die Unfähigkeit zu schwimmen.

Der Bruder Leidenschaft

In einem Buch über die Farben von Klausbernd Vollmar las ich, geistige und physische Leidenschaften seien "zwar feindliche, aber doch eng verbundene Brüder". Brüder. Der Autor ist, wie man vermuten darf, kein passionierter Sprachliebhaber.

"Schwarze Milch der Frühe"

Die angeblich paradoxe "schwarze Milch der Frühe" in Celans "Todesfuge", über die so viel gestritten wurde in der Literaturwissenschaft, verliert sehr leicht einen Großteil ihres oxymorotischen Charakters, wenn man bedenkt, daß Hippokrates empfahl, bei schweren Krankheiten die Milch schwarzer Kühe zu trinken.

Todesfuge

Ontologische Ironie

Das Paradoxe am Leben ist, daß es im Menschen die Voraussetzung schafft, den Gedanken an eine Freiheit des Seins zu entwickeln, die dem Leben nicht innewohnt, ja, die es beständig durch ironische Kommentare des eigenen Körpers und die Lebensäußerungen der anderen ins Lächerliche zieht.

Die Tücken der Agonalität

Man sollte meinen, jede gelungene Selbstreflexion decke den verborgenen agonalen Charakter des eigenen kulturellen Denkens und Handelns auf und wäre das Einfallstor für intellektuelle Gelassenheit und eine bescheidenere Sicht. Da jedoch das Agonale archetypisch tief im Menschen verwurzelt ist, wird der Reflektierende alsbald versuchen, jeden andern in der Tiefe der Reflexion über das Phänomen der Agonalität zu übertreffen. Die eigenen Erleuchtungen sollen heller strahlen als die der andern, und wenn wir uns mit anderen Reflektierenden auf der dritten Stufe der Metaebenen befinden, halten wir doch heimlich Ausschau nach einer vierten, um die andern zu übertreffen: das Agens (sic!) jeder kulturellen und intellektuellen Entwicklung.

Vielleicht ist das auch der wahre Sinn von Goethes letzten Worten: "Mehr Licht!"

Schein-Werfer

Wenn wir einen Gegenstand genauer betrachten, um herauszufinden, ob er so ist, wie er scheint, erzeugen wir mit unseren Scheinwerfern gerade den Schein, der verhindert, den Gegenstand so zu sehen, wie er ist.

Den andern verstehen

Hinter dem Wunsch, den andern zu verstehen, steckt häufig die Absicht, uns selbst mißzuverstehen und uns über unsere Tendenz zur Selbststilisierung hinwegzutäuschen. In Wirklichkeit suchen wir im andern nicht den andern, sondern uns selbst.

Wer sich selbst nicht ohne Selbsttäuschung zu verstehen versucht, versucht auch nicht, den andern zu verstehen.

Aletheiische Dialektik

Lebend im Zeitalter destruierter Wahrheiten, müssen wir lernen, Lügen aufzudecken, ohne die Wahrheit zu sagen. Selbst dann, wenn wir glauben, sie zu kennen. Wenn wir Aletheia suspendiert haben, ist unser Dispens gleichbedeutend mit ihrem.

Sonntag, 3. Februar 2008

Wahrheit

Das Wort Wahrheit ist der liebste Schmuck des Lügners.

Mittwoch, 30. Januar 2008

Tirade 124 – Fallen


Reinweiße Wahrheit
ein Tropfen Messiaswahn
im Weihwasserfluß

die Sammlung Mausefallen
im Buchstabenmuseum

Dienstag, 29. Januar 2008

Montag, 28. Januar 2008

Kriminalität

In 200 Wohnungen haben 1500 Polizeibeamte nach Haschisch gesucht. Das nenne ich einen Schlag gegen die Kriminalität. Da können sich viele demnächst wieder ganz aufs Koma-Saufen mit Tequila & Co. konzentrieren.

Kriminalität ...

In Muffendorf stießen die Polizisten auf 50 Gramm Marihuana und eine Postsendung mit zwei Tütchen Cannabis-Samen ...

Sprache und Utopie

Einer der Herausgeber der FAZ, Berthold Kohler, schrieb in einem Kommentar: "Ein Regierungswechsel in Hessen aber ermöglichte es dem linken SPD-Flügel, wieder von sozialistischen Utopien zu träumen." Woran wieder einmal deutlich wird, wie negativ ideologische Panzerung sich auf Urteilsfähigkeit und Sprachgestaltung auswirkt. Denn: Ein Flügel träumt nicht. Und wenn ein Linker in der SPD träumt, dann vielleicht von etwas, was ein Rechter in der FAZ für Utopie hält, weil er selbst andersgeartete Träume oder auch Utopien hat. Und wenn ich von einer Utopie als Utopie träume, dann hat sie bereits ihren utopischen Charakter verloren und ist bestenfalls nostalgisches Wehmutsschnarchen. Geträumte Utopie ist schimmeliger Schimmelkäse.

Normopathie

Der durchschnittliche Mensch leidet vor allem darunter, daß sein mühsam gezeichnetes heroisches Bild von sich selbst, die imaginierte Überdurchschnittlichkeit, von seiner Umgebung überhaupt nicht oder nur verzerrt widergespiegelt und unterstützt wird, was er als bedrückende "Eintönigkeit des Alltags" empfindet.

Outside in



Der Spiegel

Der Fleck auf dem Tisch
verdunstende Vergangenheit
schau in den Spiegel
solange das Wasser ihn bildet
schau in das Wasser
und wirf keinen Stein
solange du sprichst
fließt die Geschichte
im Kreis
und stottert nicht
solange Hunde bellen
wärmen auch die matten Worte
wenn Zäune brechen
zur rechten Zeit
atmen wir Erdgeruch
als wären wir
vereint und still
entzeitet

Klettische Rechtschreibung



Letztens fand ich in meiner Post einen Brief von Klett College. "Damit Ihr Kind mehr Erfolg in der Schule hat! – Perfekte Hilfe für bessere Noten". Nun hat meine Tochter auch ohne Klett Erfolg in der Schule, aber das können die bei Klett ja nicht wissen, denn so weit ist die Überwachungs-Verkabelung der Individuen glücklicherweise noch nicht gediehen.

Was die Klettianer jedoch wissen müßten: Wer "perfekte" Hilfe anbietet, sollte ein Mindestmaß an Professionalität walten lassen. Zwar wurde das Wort "perfekt" richtig geschrieben und nicht mit "ck", aber so einiges andere leider nicht.

Wie es scheint, ist bei Klett nicht bekannt, daß das "neue und besondere", unangetastet von jeder Rechtschreibreform, von jeher das "Neue und Besondere" ist. Glasklare Nomen werden selbstverständlich am Anfang mit einem Großbuchstaben versehen.

Auch gibt es in anständigen Texten nach wie vor keine Abkürzungen am Satzanfang, Gedankenstriche sind Gedankenstriche und keine Divise, vor Prozentzeichen findet sich immer ein Zwischenraum, und nicht nur manchmal, ok schreibt man in Deutschland o.k., vor sowie steht, außer bei Appositionen, kein Komma, eine "CD-Rom" gibt es nur als CD-ROM, außer vielleicht in Italien ...

"Für eine erfolgreiche Deutsch-Note ..." Erfolgreiche Note? Nein. Noten können nicht erfolgreich sein, sondern nur diejenigen, die eine gute Note bekommen. Jedenfalls manchmal.

Keine gute Note für Klett.

Anmerkung: Ich selbst schreibe natürlich, wie immer, nach den Regeln der traditionellen Orthographie.

Gedanken zur Gewaltdefinition


Eines der Hauptprobleme bei einer weitgefaßten Definition der Gewalt scheint mir zu sein, daß dadurch Legitimierungsanreize für Gewaltbereite entstehen, etwa dahingehend, daß ein unter struktureller Gewalt Leidender die eigene "rohe" Gewaltanwendung rechtfertigt, indem er erklärt, er könne sich nur so wehren, da ihm die strukturelle Macht fehle, sich auf der gleichen Gewaltebene zur Wehr zu setzen. Schließlich läuft die Argumentation von Gewaltanwendern in den meisten Fällen auf die Postulierung einer Notwehrsituation hinaus. Der eigentlich Gewalttätige und die Ursache der eigenen Gewaltanwendung ist immer der andere.

Taphephobenkultur


Einer verbuddelt

Grabspieler Lebendversuch
mit Rattenkitzel

geistig früh Verscheidende
beim qualfreien Ersticken