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Sonntag, 9. Dezember 2012

Objektivität


Wenn ich mir Objektivität vorzustellen versuche, dann hat dies doch immer subjektiven Charakter. Nicht nur ist jeder Objektivierungsversuch meine ganz spezifische subjektive Art der Vorstellung von Objektivität, sondern vor allem die Entscheidung, von mir selbst und meinem Standpunkt absehen zu wollen, ist eine höchst subjektive. Warum sollte ich das tun? Aus moralischen Gründen? Um Gott zu spielen? Um mir selbst oder andern etwas vorzumachen? Wir alle sind voll von Ideen und Meinungen, die wir für selbstverständlich halten, die jedoch tatsächlich kulturell gewachsen sind und aus der Perspektive einer denkbaren anderen Kultur als banal oder absurd betrachtet werden können. Dazu gehört auch die Idee der Objektivität, an die ich nicht glaube. 

Lyriost – Madentiraden 

Donnerstag, 12. Juli 2012

Tirade 188 – Kleines Meinen

Dein freies Meinen
geschehe am besten still
im Kämmerlein klein

auf den Bühnen Korbpflicht und
deleaturisches Tun

Montag, 9. April 2012

Prahlen

Man kann es nicht oft genug sagen, und es gibt leider manchen Anlaß zu dieser Aufforderung: Prahlt nicht mit euren Wunden.

Sonntag, 8. April 2012

Feuereifer

Vor dem Feuer glüht der Eifer.

Beute

Der Krieg als Grundform des Lebens im Sinne Heraklits ist vor allem deshalb so beliebt – und das ist tief in den Genen der Menschen eingeschrieben –, weil es beim Krieg, allem ideologischen Begründungsgeschwätz zum Trotz, in erster Linie darum geht, Beute zu machen. Das gilt nicht nur für den Krieg als Metapher, sondern gerade auch für das Drücken auf todbringende Knöpfe.

Große Ruhe

Nur wer das Leben überwunden hat, hat auch den Tod überwunden. Der Wiederauferstandene ist todgeweiht.

Vernichtungswille

Das Kesseltreiben gegen Grass ist wahrlich phänomenal. Und das Ganze ist ein Lehrstück darüber, wie ein häßlicher Mob entsteht und wie sich Stück um Stück das herausbildet, was ich mal Vernichtungswillen nennen möchte. So etwas endet manchmal darin, das Menschen nicht nur symbolisch zur Strecke gebracht werden, sondern physisch.
Was typisch ist an dieser unappetitlichen Geschichte: Kaum jemanden, abgesehen von Biermann, interessiert noch die Form der Wortmeldung von Grass – Biermann nennt den Text zu Recht "dumpfbackigen Polit-Kitsch" – und der Hintergrund des Ganzen. Allgemein herrscht Jagdfieber, und es geht nur noch um die Person Grass, mit der viele, viele Rechnungen offen haben, die sie jetzt begleichen wollen. Nun kann man es dem erfolgreichen Querkopf endlich mal zeigen. "Ekelhaft" ist das.
Wie an anderer Stelle: Der Fall Grass, bereits gesagt: Ich mochte die Person Grass noch nie. Aber eine persönliche Abneigung sollte uns nicht die Gehirnwindungen vermüllen.

Samstag, 7. April 2012

Tirade 179 – Billigzorn

Sonderangebot
synthetische Empörung
heute halber Preis

blutlos im Mund gebogen
schaumgespeichelter Wortwahn

Erdmann – Szenische Monodialoge 10

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Wenn einer in den
Spiegel guckt
nach dem Rasieren
hinein ins unverstellte Gesicht
das enthaarte
und hat ein gutes Gewissen
der Höhepunkt des Tages

Das kann er
nicht der Grass
wie er sich auch
dreht und wendet
immer im Weg dieser Bart
und dann das
tägliche Jagen
er hört wieder
die Meute heulen
nun ja rief er nicht laut
Fiffi komm her?
Aber daß so viele ...

Grasserei dritte Runde
Jetzt kommt Theater
in die Lyrik
Hochhuth schämt sich
Lange nichts gehört
von Hochhuth gelesen
der lebt also noch
Peymann hat ihn nicht vergiftet
öffentlichkeitswirksam
mit Bühnencurare
nicht auszuhalten
diese Kamerastille
nur der Tinnitus surrt
da kommt er gerade recht
der Grass mit seinen
altersunweisen halb halbweisen
ungegärten Prosaversen

"du bleibst SS-Mann"
raunt der Hochhuth
wohl wissend daß Grass
nie einer war sondern nur
monatelang ein SS-Jüngelchen
oder besser monatekurz
wußte gar nicht
daß die sich duzen
würd ich mir vielleicht verbitten
gegenüber dem Moralisten-
und Mahnerkollegen
ohne Nobeldiplom

in der zweiten Runde
schien Grass schon angezählt
nach der Pariser Backpfeife
Frauen sind sogar
Tiefschläge erlaubt
muß man nicht ernst nehmen
man schlägt nicht zurück
man wundert sich nur
über mancher Leute
musikalische Phantasien
Schlagzeilensucht schadet
zuweilen dem Gehör

was nun als nächstes?
mir wurde berichtet Grass
habe bei seinem Schneider eine
Uniform bestellt und übe
vor dem Spiegel Fuchteln

Auf Bonnies Ranch werden
Betten neu bezogen
Fragt sich nur für wen


Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?


Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Laute im Wind

Wo seid ihr alle
stumme Ahnen
ihr Lippen die
die meinen streiften
die früh verfärbten
spät gereiften
wo eure Worte die
mich mahnen

ihr lebt schon
lange in den Lüften
wo still sich
Ewigkeiten queren
wo sich die
Namenslisten leeren
Geruch befreit
von allen Düften

wo seid ihr die
nach Worten suchten
zu füttern die
Wolken die Winde
und heimlich
in Gedanken fluchten
ihr ginget von dannen
wie Blinde

was blieb ist nur
noch Schattentanz
an dunklen Tagen
ohne Glanz

 
Musikalische Ergänzung

Ohne Groll

Ressentiments sind stets zweischneidige Gebilde, und sie haben gleichermaßen das Potential zur Verletzung des andern wie auch zur Selbstverletzung, besonders dann, wenn es sich um Ressentiments gegenüber vermeintlichen Ressentiments anderer handelt.

Der Außenstehende kann nicht umhin, darüber zu lachen. Ohne Groll. 

Die Farben der Tinte

Da schreibt jemand
ein paar Zeilen Hackprosa
und wirft sie aufs Trottoir
des Boulevards und schon
kommen alle Köter angelaufen
Promenadenmischungen und
solche mit Stammbaum
und heben das Bein
Urinieren als Massenphänomen
wer hat den stärksten Strahl
Joffe oder Broder oder
und alles nur wegen
Versen die keine sind
schon gar nicht satanisch
nur ein paar undurchdachte
Gedanken von einem
der sich in letzter Tinte
versehentlich selbst ertränkt

Gehackte Prosa

Kunststoffgefühle
und vieles dumme Reden
des falschen Wortes Kühle

Feuilletonchefgedanken
der schwachen Lyrik Ranken

fahler Schwall zum bleichen Wort
falscher Spruch am falschen Ort

ein schlechtes Gedicht
Papier mit letzter Tinte
hat kaum ein Gewicht

Tirade 178 – Nicht gelöscht

Am Abend Fackeln
an den Rändern des Tages
entzündet sich Nacht

glimmt leis im verborgenen
in den Träumen blubbert Rauch

 
Musikalische Ergänzung

Neue Krone

Die FDP in NRW soll bei einem Kronenmacher eine diamantenbesetzte Krone in Heiligenscheindesign für ihren neuen König Lindner bestellt haben. Die Finanzierung gilt als gesichert, denn die FDP befindet sich bekanntlich im Wiederaufbau, und deshalb wird das Geld von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) kommen, bei der der neue Chef aus früheren Tagen ohnehin noch ein Konto hat.

Der Richter als Opfer

Gerade wer kein Schwachkopf ist, läuft immer Gefahr, von Kollegen gemobbt zu werden. So ergeht es dem Sozialrichter Jan-Robert von Renesse in Nordrhein-Westfalen, früher befaßt mit Rentenansprüchen ehemaliger Ghetto-Arbeiter. Kollegen warfen ihm "unstrukturierte Arbeitsweise" vor, stießen sich auch an seinem "belehrenden Tonfall". Ja, wenn schon der Tonfall "belehrend" ist, dann darf weggehört werden. Möglicherweise haben sie mit ihrem Vorwurf, er klinge belehrend, sogar recht; denn wer hat schon so viel Geduld, seinen anscheinend begriffsstutzigen Kollegen ein ums andere Mal in neutralem Duktus zu erklären, weshalb sie ihre gewohnte Herangehensweise, die habituell strukturierte Arbeitsweise, mal hinterfragen sollten. Und "unstrukturierte Arbeitsweise" ist natürlich ein Euphemismus dafür, daß da einer anders an die Dinge herangeht als "das haben wir schon immer so gemacht".

Renesse arbeitet laut Julia Smilga, die sich eingehend mit dem Fall befaßt hat, noch immer im nordrhein-westfälischen Landessozialgericht: "In seinem winzigen Zimmer neben der Toilette prüft er heute überwiegend Schwerbehindertenausweise."
 
Auch eine Art "Anschlußverwendung".

Der Richter und die Opfer – von Julia Smilga (WDR 5)

Tyrannei der Maße

Wo wir schon mal bei der FDP sind: Wenn der inhaltlich mäßige, aber äußerlich weniger maßhaltende FDP-Generalsekretär von der Tyrannei der Masse sprach, dann meinte er nicht etwa die bei Wahlen zustande kommenden Mehrheiten, durch die neoliberal gesinnte Minderheiten unter die Räder der Demokratie geraten könnten, nein, er hatte sich nur versprochen, denn eigentlich ist der Hintergrund der, daß er sich ausnahmsweise mal einen neuen Anzug von der Stange kaufen wollte, weil der ihm so gut gefiel, so einen chicen glänzenden, aber die Verkäuferin beim Herrenausstatter Gulliver bedauerte: In dieser Größe leider nicht. Deshalb stöhnte der Herr von der FDP: Tyrannei der Maße. Und hauptsächlich deshalb reagiert er auf Spiegel mitunter allergisch.

Anschlußverwendung und Plazierung

Wenn die FDP in absehbarer Zeit aus der deutschen Parteienlandschaft verschwindet, wird es sogar für Nullnummern wie Philipp Rösler eine schnelle "Anschlussverwendung" (dessen eigener Kommiß-Sprachgebrauch) geben, ganz ohne Einschaltung des Jobcenters, das, wie man hört, bemüht ist, die Arbeitslosen "auf dem Arbeitsmarkt zu plazieren". (Erinnert das nicht ein wenig an die unseligen Zeiten der DDR-Gastronomie? – "Warten Sie, Sie werden plaziert.") Man merkt, an der sprachlichen Umsetzung der zweifellos in hohem Maße vorhandenen Empathie könnte noch ein wenig gefeilt werden.

Alles Kopfsache

Man kennt das ja, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die klugen Köpfe.
Hier war mal wieder einer von ihnen am Werk. Zum Vergleich: Das BIP der Vereinigten Staaten liegt so etwa bei 14 Billionen Dollar, weltweit sind es etwas über 70 Billionen. Pakistan ist also scheinbar über Nacht zum reichsten Land der Welt geworden, obwohl die Industrieproduktion pro Nase nur so um die 200 US-Dollar beträgt (zum Vergleich: Deutschland – über 10 000). Um nur auf die 40 Billionen Dollar Industrieproduktion von 2007 zu kommen, müßte Pakistan etwa 200 Milliarden Einwohner haben. Das würde eng im Land.



FAZ

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